Kreativität von außen: Was Schulen gewinnen, wenn sie Externe anheuern

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Tim Eckhorst arbeitet als freier Autor, Illustrator, Comiczeichner und Grafik-Designer. Auf kulturkanal.sh erscheint wöchentlich sein Kritzelschnipsel. Abseits vom Schreibtisch lehrt er an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel oder auch mal ganz am Anfang der Kette: in Grundschulen. Warum es wertvoll ist, auch externe Personen in Schulen zu holen, erzählt er in diesem Erfahrungsbericht.

Perspektivwechsel sind erfrischend, und belebend. Das gilt auch für den eigenen Job. Aus anderer Perspektive arbeite ich bei meinem Lehrauftrag an der Kunsthochschule und vor allem bei meinen Workshops in Schulen. Dann sitze ich nicht – wie gewöhnlich – alleine an meinem Schreibtisch. Dann stehe ich vor Menschen und vermittle ihnen Dinge aus meinem Job: ob nun klassisches Grafik-Design an der Muthesius Kunsthochschule oder Comiczeichnen, Erzähltechniken und Illustration in Schulen.

Zuletzt war das im April. Im Rahmen des Projektes „Wörterwelten. Lesen und schreiben mit AutorInnen“ durfte ich an der Grundschule Hennstedt (Kreis Steinburg) eine sogenannte Autorenpatenschaft durchführen. Das Projekt wird vom Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V. im Rahmen des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit lokalen Bündnispartnern durchgeführt. Ermöglicht wird dadurch ein kulturelles Bildungsangebot, an dem Schülerinnen und Schüler freiwillig teilnehmen und sich umfangreich unter Anleitung mit einem Schwerpunktthema befassen. Mein Thema lautete Comics!

Unverhofft kommt oft

Was tut man nun, wenn man vier Vormittage Zeit hat, um mit 17 Erst- bis Viertklässlern zusammen zu arbeiten? Ganz einfach: Man lernt sich erstmal kennen. Und genau das scheint mir ein wesentlicher Punkt zu sein, der schon ganz früh entscheidet, ob das Projekt gut, geht so oder schlecht laufen wird. Man macht sich zu oft zu schnell ein Bild von einer Person und von einer Aufgabe. In Schulen mag das sogar verstärkt vorkommen. In Schulklassen gibt es Standardrollen. Wenn du erstmal drinsteckst, kommst du so schnell nicht mehr raus. Schülerinnen und Schüler haben oftmals mit Glaubenssätzen wie diesen zu kämpfen: „Mathe verstehe ich nicht“, „Zeichnen kann ich nicht“ usw. Erschreckenderweise ziehen die sich gerne bis ins Erwachsenenalter fort. Deshalb und grundsätzlich ist es mir wichtig, möglichst offen an die Zusammenarbeit mit jungen Menschen heranzugehen. Es schlummert so unglaublich viel in den Köpfen der Kinder.

Jede Einschränkung wäre ein Verlust vieler Ideen.

Darum gibt es bei meinen Workshops nur Leitlinien und ein Oberthema. In Hennstedt hieß das Oberthema „Unverhofft kommt oft.“ So sollte es dann auch jeden Tag kommen. Die Kinder erhielten von mir ungewöhnliche Aufgaben und wir ließen das Prinzip „Zufall“ walten. So zeichneten sie mit zufällig zugeteilten Zeichenwerkzeugen und auch mal auf ungewöhnlichen Materialien. Unverhofft sollte es auch für die Hauptaufgabe weitergehen.

Ausstellung in der Grundschule Hennstedt, Foto: Eckhorst

Mein wichtigstes Ziel war, dass alle Spaß haben, mitmachen und kreativ arbeiten. Beim Zeichnen gibt es schönerweise kein Richtig und Falsch. Und Comics? Die folgen ohnehin ihren eigenen Regeln. Hier gibt es Helden aller Art, hier sprechen Tiere und Gegenstände können menschliche Züge erhalten. Im Comic ist alles erlaubt. Und Bewertungen? Gibt es bei mir nicht. Jeder kann zeichnen! Und: Jeder kann sich Geschichten ausdenken.

Figur findet Ort per Zufallsprinzip

Zurück nach Hennstedt: Losgelegt haben wir mit einem Brainstorming. Darin füllten wir die beiden Kategorien Orte und Figuren – und zwar losgelöst voneinander. Gemeinsam haben wir Orte gesammelt, an denen Geschichten spielen könnten. Hier kamen Ideen wie z. B. Supermarkt, Steinzeit, Schule Weltraum, Hölle oder Dorf zusammen. Danach haben wir Figuren für unsere Geschichten gesammelt, und auch hier war das Spektrum der Ideen groß. Auf der Liste landeten u.a.: fliegende Klobürste, Cowboy-Dino, Möhre, Vampir, Diamant, Mensch oder Smiley. Anschließend und per Zufallsprinzip haben wir die Ideen für Orte mit den Ideen für Figuren zusammengebracht. Im Gespräch haben wir dann gemeinsam festgelegt, wer welche Figur-Ort-Kombination für eine eigene Geschichte nutzt. Dabei wurde jede Kombination nur einmal verteilt.

Ideenfindung, Foto: Eckhorst

So landete beispielsweise die Erdbeere in der Hölle, das Pferd fand sich in der Schule wieder und das Mammut spazierte durch die Stadt.

Redaktionsraum Klassenzimmer

Wichtig bei unseren Ideensammlung war, dass jedes Kind Figuren und Orte nennen konnte, damit aber keinesfalls verpflichtet war, seine Ideen für die eigene Arbeit zu nutzen. Vielmehr sollten sich die Kinder auch von den Vorschlägen der anderen inspirieren lassen. Damit war der Rahmen gesteckt. Parallel haben wir in kleinen Einheiten besprochen, wie unser geplantes Comic-Heft aufgebaut sein soll. Ja, wir hatten den Plan, ein gemeinsames Comic-Heft fertigzustellen! So wurde aus dem Klassenzimmer ein Redaktionsraum mit Atelier und die Schülerinnen und Schüler wurden zu Profis unter Realbedingungen. Schließlich gab es eine Deadline für die Druckabgabe und für eine Ausstellung in der Schule. Beides musste am letzten Projekttag fertig werden.

konzentriertes Arbeiten im „Redaktionsraum Klassenzimmer“, Foto: Eckhorst

Es ist beeindruckend, wie konzentriert und zielgerichtet (und damit professionell) das Werkeln der Kinder sein kann. Comics eignen sich dafür unheimlich gut. Besonders die jüngeren Kinder, die mit dem Schreiben noch nicht ganz so weit sind, können den Fokus aufs Zeichnen legen und damit ebenso gut Geschichten erzählen. Hinzu kommt: Das Zeichnen als Erzählmethode eröffnet Kindern mit Sprach- und Leseschwierigkeiten die Möglichkeit, eine (neue) Brücke zu nutzen, um sich (anders) auszudrücken. Sobald klar wird, dass es für niemanden Barrieren gibt und, dass es um die gemeinsame Sache geht, entsteht (fast wie von selbst) Raum für Anerkennung und Lob untereinander. Ein gemeinsames Ziel verbindet und wenn es gleich zu Beginn gelingt, ein gutes Arbeitsklima zu schaffen, kann eigentlich kaum etwas schief gehen.

Raum für Kreativität

Ein Besuch eines Externen in der Schule kann für Kinder prägend sein. Ich erinnere mich bis heute gut daran, dass während meiner Grundschulzeit einmal Professor Dr. Ing. Reinhardt Guldager zu Besuch war und von seiner Entwicklungshilfe berichtete, die er in Afrika leistete. Nun bin ich dadurch nicht zu einem Entwicklungshelfer geworden, habe aber etwas gelernt, das man ansonsten schwer vermitteln kann. Und zwar dass man sich Berufe einfach ausdenken kann. Oder um es weniger salopp zu formulieren: Man kann sich ein Tätigkeitsfeld schaffen, das sehr stark von den eigenen Interessen geprägt ist und zeitgleich der tägliche Job ist.

Mich motiviert der Gedanke, dass ich in der Schule durch bloßes Berichten von meiner Arbeit die Chance biete, die klassische Vorstellung von Beruf und Arbeit zu erweitern. Für diese Bemühung – die eigentlich gar nicht mit Mühe verbunden ist – wird man meistens belohnt. Neugierige Rückfragen (oft sehr schlau, überraschend und weit gedacht), Berichte von der eigenen Ideenfindung und das Präsentieren entstandener Comics und Zeichnungen zeigen: Die Kids sind aufmerksam und bringen mit Freude ihre eigene Kreativität ein und sind stolz auf das gemeinsam Geschaffte. Das freut mich und ich genieße es zu sehen, wie sich ihnen ganz neue Erfahrungshorizonte eröffnen. Genau deshalb empfinde ich das Projekt an der Grundschule Hennstedt als sehr nachhaltig.

Eins, zwei, drei

Schon 2023 und 2024 habe ich mit der Schule zusammengearbeitet. Sichtbare Spuren davon finden sich heute noch in der Schule: Im Außenbereich hängt zum Beispiel eine große Bauzaun-Plane mit Werken von 2023, die wir auf dem Irish Folk Open Air in Poyenberg ausgestellt haben. Bei allen drei bisherigen Projekten wurde ich von Industriedesigner Arne Auinger unterstützt. Arne gab Einblicke in seine Arbeit und zeigte, wie unterschiedlich man sich dem Zeichnen nähern kann. Sich vor einer Gruppe mit einem Kollegen die Bälle zuspielen zu können, ist natürlich für alle Seiten eine große Bereicherung, weil sich immer wieder zeigt: Es gibt viele Wege, wie man etwas tun kann. Da sind sich auch die studierten Designer nicht immer einig. Zum Glück!

Ja, wir haben ein Comic-Heft!

Unser gemeinsames Comic-Heft ist mittlerweile gedruckt und wird an der Schule an alle Kinder kostenfrei verteilt.

Auf meinen nächsten Schulbesuch bin ich schon jetzt gespannt. Denn der wird ganz sicher wieder ein wertvoller Perspektivwechsel – und zwar für alle Seiten. Was für eine schöne Zeit abseits vom Schreibtisch!

Unverhofft kommt oft

Hrsg.: Grundschule Hennstedt, Mai 2025

Cover: gemeinsam gestaltet mit allen Teilnehmenden – mit Farben von Arne Auinger

Heft-Gestaltung & Fotos: Tim Eckhorst

>> Das komplette Heft (PDF) gibt es hier auf der Webseite vom Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V. zu sehen: boedecker-buendnisse.de

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