Kürzlich bin ich an einem sonnigen Frühlingsmorgen an der Sankt-Mauritius-Kirche in Berlin-Lichtenberg vorbeigekommen. Teils geschah dies zufällig, weil ich ohnehin im Stadtteil unterwegs war, teils war es beabsichtigt, weil ich zuletzt vor fast vierzig Jahren hier war. Und ich fragte mich, was in diesen vierzig Jahren alles geschehen ist.
In meinem Leben habe ich schon viele Veränderungen erlebt und, wie jeder Mensch, finde ich es natürlich schön, wenn alles so bleibt, wie es ist, wie man sich eingelebt hat, wie es gefällt und wie es, auch wenn es nicht immer schön ist, dennoch bequem ist. Wir hängen der irrigen Vorstellung an, dass alles am besten ist, wenn es bleibt, wie es ist.
Die Realität, die Welt und das Leben erzählen eine andere Geschichte. Das Universum dehnt sich aus, die Evolution geht ihren Gang und auch die menschliche Entwicklung schreitet voran. Nicht immer in eine gute Richtung, manchmal gibt es auch Rückschritte, aber wir sind immer in Bewegung.
So ähnlich verhält es sich mit dem Kulturbegriff. Kultur ereignet sich, wie der Kultursoziologe Dirk Baecker sagte: „Eine Kultur überprüft und sanktioniert eben nicht, ob bestimmte Werte, Normen und Konventionen befolgt werden oder nicht, sondern sie stellt diese Überprüfung und Sanktion zur Verfügung. Sie operiert nicht auf der Ebene des Verhaltens und seiner Überwachung oder Programmierung, sondern auf der Ebene der Beobachtung dieses Verhaltens und der Überprüfung, wie weit bestimmte Beobachtungen noch Sinn machen oder keinen Sinn mehr machen.“
Kultur ist also ein Prozess, dessen Ausdrucksformen und Umsetzungselemente letztendlich austauschbar sind und der nicht auf diverse, zum Beispiel als Hochkultur oder gar nationale Kultur definierte und verengte Methoden, Ausdrucksweisen und Traditionen reduziert werden kann. Selbst diese sind, mögen sie uns auch noch als unverzichtbar erscheinen, möglicherweise austauschbar, solange der Kulturprozess in transformierten Methoden und Elementen fortwirkt.
Kultur ist eine symbolische Ordnung, die Eutopie einer Gesellschaft, die noch nicht ist, wie sie sein sollte – aber auch nicht so werden wird, wie sie in der kulturellen Reflexion sein könnte. Kultur hält alles offen, weil eine abgeschlossene Gesellschaft keine freie Kultur mehr besitzt. Kultur ist deswegen ständig unabgeschlossen, unfertig und in gewisser Weise melancholisch.
Man könnte auch sagen: Kultur ist ständige Transformation. Ob wir wollen oder nicht: Transformation mag ängstigen, aber es verhält sich wie bei einem Besuch in der Physiotherapie. Wenn wir in die Bewegung hineingehen, lässt der Schmerz nach. Nicht nur das. Wir können die Bewegung mitgestalten und akzeptieren, dass auch Transformation nie abgeschlossen ist und immer in Bewegung bleibt.
In meinem Leben habe ich schon einige kulturelle Umwälzungen miterlebt. Vor vierzig Jahren beispielsweise war ich mit einer kirchlichen Jugendgruppe in Ost-Berlin. Wir reisten über den Bahnhof Friedrichstraße ein, mussten durch eine strenge Passkontrolle, 25 Deutsche Mark in Ostmark umtauschen, um dann mit der S-Bahn in Richtung Lichtenberg zu fahren.
Unterwegs haben wir uns getrennt, und jeder und jede suchte sich ein Taxi. Den Taxifahrerinnen und Taxifahrern nannten wir jeweils unterschiedliche Adressen, niemand sagte genau, wohin wir wollten. Denn unser Ziel, die Mauritius-Kirche, lag in der Nähe der Stasi-Zentrale. Dort, in der Kirchengemeinde, fanden wir uns alle wieder zusammen zu einem Treffen mit einer anderen kirchlichen Gruppe aus Görlitz.
Das haben wir drei Tage lang gemacht, und nicht im Traum hätte ich gedacht, dass sich die Situation jemals ändern würde. Jetzt stehe ich vierzig Jahre später wieder vor der Kirche. Die Fassaden der umliegenden Häuser sind etwas bunter geworden, aus der Stasi-Zentrale an der Normannenstraße sind Büros und ein Museum geworden. Vor allem aber stehe ich in einem vereinten Deutschland, das nicht nur diese Transformation, sondern seitdem unzählige Transformationen mitgemacht hat und weiter mitmachen wird.
Wenn uns diese Transformationen nicht ängstigen sollen, dann dürfen wir sie nicht einfach geschehen lassen, sondern müssen uns aktiv an ihrer Gestaltung beteiligen. Oder anders gesagt: Sei du selbst die Veränderung, die du bewirken möchtest.
Transformation ist normal. Wir dürfen nur nicht zulassen, dass sie uns überwältigt.