Geschichten, um ins Handeln zu kommen

Teilen

Es gibt so vieles, das wir Menschen nicht verstehen. Wir verstehen nicht, warum sich Freundinnen und Freunde entzweien, warum es Kriege gibt und Naturkatastrophen. Darum erzählen wir uns Geschichten, um unsere Welt zu verstehen und um uns zu trösten. Denn Trostbedürftig, sagte der Philosoph Hans Blumenberg, sind wir alle. Wir brauchen Geschichten, um zu bestehen und nicht zu verzweifeln.

Nach Hans Blumenberg ist es die Funktion von Mythen, Erzählungen zu liefern, die uns helfen, das Leben mit seinen ganzen Unabwägbarkeiten zu leben. Teil dieser Erzählung ist alles, was uns im Leben umtreibt und bewegt: Liebe und Hass, Geburt und Tod, Freundschaft und Feindschaft, Nähe und Distanz.

Natürlich war es immer die explizite Funktion der Religion, Welterklärungen zu liefern. Diese Zeit ist perdu. Religionen haben ihre umfassende Bedeutung eingebüßt. Heute versprechen wir uns Erklärung und Rettung durch die Wissenschaft oder die Digitalisierung. Aber machen wir uns nichts vor: Das Leben bleibt unsicher und nicht im Detail planbar. Majestix fürchtet auch weiterhin, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Der Begriff, den die Philosophie für diesen Zustand verwendet, lautet Kontingenz. Zur Kontingenzbewältigung können Geschichten erzählt werden. Das ist eine wesentliche Aufgabe der sogenannten Kulturellen Infrastruktur, also zum Beispiel von Theater, von Musik, von Museen. Diese Einrichtungen erzählen in Stücken oder Ausstellungen Geschichten, damit unser Leben und die Welt verständlicher werden und wir Trost finden angesichts so vieler Umstände, die uns ratlos und mutlos machen.

Zu den Tatsachen, die verunsichern und denen wir uns stellen müssen, gehören ökologische Veränderungen. Natürlich wissen wir, dass es einen Klimawandel gibt und natürlich wissen wir, dass er durch die Zivilisation betrieben wurde. Strittig sind die Diskussionen darüber, ob und wie wir mit dieser Herausforderung umgehen. Der Klimawandel bedroht das Leben auf der Erde, wird zu sozialen Verwerfungen führen, der Wirtschaft schaden und zu internationalen Spannungen führen. Dass etwas getan werden muss, ist allen vernünftig denkenden Menschen bekannt. Um ins Handeln zu kommen, braucht es eine allgemeine Bewusstseinsbildung. Klimaschutz ist Gemeinschaftswerk. Deswegen brauchen wir einen gesellschaftlichen Diskurs, um zu vernünftigen und vor allem wirksamen Maßnahmen zu kommen.

Wir sehnen uns nach Erzählungen, die uns bei der Zukunftsbewältigung angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel helfen.

Kultureinrichtungen kommt eine wichtige Aufgabe zu. Selbstverständlich betrifft es sie selbst. Wer Bewusstsein schärfen will, geht voran: Wie kann ökologisch nachhaltig produziert werden? Wie kann Green Culture umgesetzt werden? Welche Prozesse müssen überarbeitet werden, um internationalen Austausch zu ermöglichen und dabei die ökologischen Kosten möglichst gering zu halten? Wie kann die klimaneutrale Tournee aussehen?

Reicht es aus, bloß Geschichten zu erzählen? Natürlich gibt es die Diskussion über allzu niveaulose Angebote, die Notwendigkeit von Blockbustern oder eingängigen Stücken im Theater, in der Musik. Aber all das ist mit der Suche nach Geschichten und Erzählungen nicht gemeint. Diese sollen und können auch sperrig sein, aneckend, solange sie anregen. Und nein, hier wird keiner Funktionalisierung von Kultureinrichtungen das Wort geredet. Die Kunst ist frei und das soll sie bleiben. Und es geht schon gar nicht darum, den Klimawandel zu einem Mythos zu erklären, der faktisch unbegründet sei. Für Hans Blumenberg sind Mythen Hilfen, zu verstehen und zu strukturieren. Deswegen wollen wir Geschichten erzählt bekommen, die uns anregen, unsere Zukunft ökologisch und nachhaltig zu gestalten. Wie wird sich unser Leben entwickeln müssen? Was bedeuten ökologisch bedingte Einschränkungen für unsere Demokratie? Was gebietet die internationale Solidarität? Was heißt es, in einem Boot zu sitzen? Uns geht es an, dass das Gangesdelta überläuft, dass Inseln versinken.

Ja, das sind ökologische, wirtschaftliche und darin natürlich politische Fragen. Aufgabe der kulturellen Infrastruktur ist, diese Fragen in Kunst zu transformieren und damit die richtigen Anstöße zu liefern, die uns zum Handeln bringen.

Machen wir uns nicht vor: Die Gegenwart war für jede Generation komplex und schwer zu meistern. Der Klimawandel ist unsere große Komplexität. Indem kulturelle Angebote erzählen, helfen sie, die Gegenwart zu bewältigen. Deswegen brauchen wir Geschichten, um nicht in Erstarrung und Apathie zu verfallen, sondern mutig ins Tun zu kommen.  

Unterstützen Sie kulturkanal.sh
– für eine lebendige Kulturszene

Vielen Dank, dass Sie kulturkanal.sh nutzen. Unser Online-Feuilleton für Schleswig-Holstein bringt Ihnen spannende Inhalte und aktuelle Berichte über das vielfältige kulturelle Leben in unserer Region.

Um weiterhin unabhängige und hochwertige Inhalte anbieten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Mit einer freiwilligen Zahlung helfen Sie uns, durch unsere Berichterstattung die Kultur vor Ort zu fördern.

Jeder Beitrag zählt – machen Sie mit und stärken Sie die regionale Kultur!

Themen

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Neueste Artikel

Datenschutz
Kulturkanal.sh GbR, Inhaber: Birthe Dierks, Esther Geißlinger, Pauline Reinhardt, Bernhard Martin Schweiger, Gerd-Richard Warda, Kristof Michael Warda (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
Datenschutz
Kulturkanal.sh GbR, Inhaber: Birthe Dierks, Esther Geißlinger, Pauline Reinhardt, Bernhard Martin Schweiger, Gerd-Richard Warda, Kristof Michael Warda (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl: