Ich habe lange überlegt, ob man an dieser Stelle etwas über Timmy schreibt. Sie wissen schon, den Wal vor der Insel Poel in der Ostsee. Warum Sie das schon wissen? Weil man sich dem medialen Overkill nicht mehr enziehen kann. Egal, ob Bomben auf den Iran fallen oder Kinder im Sudan verhungern: Unsere Gazetten beherrscht das Schicksal eines Buckelwals in der Ostsee. Um es vorweg zu sagen und jedem Shitstorm in den Kommentaren vorzubeugen: Ich habe nichts gegen Tierliebe und ja, ich kann mir vorstellen, dass sich gerade Meeresbiologinnen und -biologen sowie die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner für den Fall interessieren. Ich frage mich nur, was es über unsere Kultur aussagt, dass es auf der Seite des ZDF einen Liveblog zur Walrettung gibt oder die Bildzeitung am 22. April titelt: “Timmy, was machen die bloß mit Dir?”
Ob ich hier etwas schreiben soll oder nicht, habe ich im Freundes- und Familienkreis herumgefragt. Alle haben abgeraten. Aber das sagt vermutlich nichts über das Thema aus, sondern über die Bubble, in der ich mich bewege.
Nun frage ich mich also doch in diesem Blog, warum wir so wild auf den Wal sind? Ich vermute mal, dass es drei Gründe gibt (und freue mich über sachdienliche Hinweise, ob ich falsch liege).
Erstens: Schicksal rührt. Schicksal rührt umso mehr, wenn es sich vor unserer Haustür und dann noch Live und in Farbe abspielet. Das ist unbenommen. In einer Medienlandschaft, die mehr auf Clicks als auf Themen abzielt, entwickelt sich eine unheilige Allianz. Dass die Strandung des Wals ausgerechnet in der flachen Ostsee sicherlich auch auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen ist, geschenkt, blenden wir gerne aus. Das sind schon zu viele Details.
Zweitens: Meinung. Wir sind geübte Nutzerinnen und Nutzer sozialer Netzwerke und die, wen wundert’s, laufen nicht über differenzierte Meinungen, sondern über bloße Emotionen. Wenn es zu Meinungen geht, dann kann jeder und jede eine haben – egal ob Stuss oder nicht – und ziemlich unkompliziert in die Welt hinausblasen. Wir sind nicht nur allesamt Bundestrainerinnen und Bundestrainer, wir sind jetzt auch alle Walexpertinnen und Walexperten. Wir wissen unter Umständen viel besser als Tiermedizinerinnen und Tiermediziner, Umweltschützerinnen und Umweltschützer oder Fachabteilungen der den zuständigen Behörden, was für den Wal gut und richtig ist. Timmy, was machen die mit dir? Wer ist eigentlich “Die”? Wenn wir schon nicht wissen, was faktisch Sache und wissenschaftlich angebracht ist, gehen wir wieder auf den ersten Punkt und lassen uns vom Schicksal anrühren.
Der dritte Punkt ist eine Art von Anthropomorphismus. Wir erfahren die Welt als immer bedrohter durch Klimawandel, Krisen und Kriege, Gewissheiten und Demokratien lösen sich auf, der Wirtschaft geht es schlecht. All das projizieren wir auf den armen Wal. Wenn wir schon sonst nichts retten können, dann doch wenigstens dieses Tier. Nur um zu sehen, dass es doch noch etwas Gutes, dass es doch noch Rettung gibt in dieser Welt.
Hoffentlich werden wir nicht enttäuscht. Vor allem aber hoffe ich, dass wir die wirklichen Probleme nicht aus den Augen verlieren. Dann wäre nämlich die Sorge um Timmy, den Wal, wirklich etwas, dass wir uns nicht mehr erlauben dürfen: Ein Ausdruck des puren Eskapismus.
Übrigens habe ich den Wal-O-Mat gemacht. Mein Ergebnis war eindeutig. Ich bin “Team liegen lassen”. Ich glaube, diese Art von Ausgleich und Gelassenheit stünde uns gut zu Gesicht.