Die Theaterspielzeit 2026/27 in Schleswig-Holstein. Ein Blick auf die Spielpläne

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Es ist bemerkenswert, wie sich die Häuser in ihren Stoffen spiegeln. Während das Theater Lübeck die Saison mit Mozarts „Idomeneo“ als Drama über Macht und Moral eröffnet, kehrt die Oper in Kiel ebenfalls auf den Spielplan zurück. Noch deutlicher wird die künstlerische Korrespondenz beim nationalen Epos: Dem Nibelungen-Mythos widmen sich gleich zwei Häuser in modernen Überschreibungen. In Kiel verschneidet Roland Schimmelpfennig in „See aus Asche“ die Sage mit Bruchstücken unserer Gegenwart, während Lübeck mit Ferdinand Schmalz’ „hildensaga“ ein dezidiertes „Königinnendrama“ auf die Bühne bringt. Das junge Publikum hingegen kommt an Lindgrens Klassikern nicht vorbei: Kiel setzt auf „Ronja Räubertochter“, Lübeck auf „Madita“. Und wer Shakespeare liebt, findet im jungen Theater im Werftpark Kiel eine Neuübersetzung von „Der Sturm“ für junge Menschen ab fünf Jahren, während das Landestheater mit dem „Sommernachtstraum“ in einer Fassung von Rebekka Kricheldorf aufwartet.

Formate jenseits der „Vierten Wand“

Die Suche nach neuen Erzählformen treibt alle drei Institutionen um. Das Theater Kiel wagt mit dem „Studio 103°“ ein nachhaltiges Experiment: Ein modulares Baukastensystem als Einheitsbühnenbild bildet den Rahmen für experimentelle Performances und neue Dramatik. Mit „Global Ga(a)rdening“ etabliert Kiel zudem ein transkulturelles Format, das gezielt in den Stadtteil Gaarden-Ost hineinwirkt. Das traditionelle Sommertheater verwandelt das MFG-5-Gelände an der Förde in eine Arena für Goethes „Faust“ als Open-Air-Musical mit Musik der Band „Selig“.

Das Theater Lübeck setzt auf investigative Ansätze. Das Rechercheprojekt „Mare Balticum“ erforscht die Ostsee zwischen Umweltschutz und Geopolitik. In den „Bürger:Bühnen“ werden zudem Themen wie Demenz oder das Erben gemeinsam mit der Stadtgesellschaft verhandelt. Zum 100. Geburtstag von Günter Grass zieht das Schauspiel in das Stadion an der Lohmühle, um dessen Werk „Mein Jahrhundert“ spektakulär in Szene zu setzen. Kleists „Michael Kohlhaas“ findet seinen konsequenten Ort im Großen Saal des Landgerichts.

Das Landestheater wiederum geht in das „Theaterlabor“. Für das Puppenspiel „Ente, Tod und Tulpe“ wird ein experimenteller Resonanzraum zum Thema Sterben geschaffen, dessen Impulse direkt in die Stückentwicklung einfließen. Mit der Tanzperformance „What the Fake?“ begibt sich das Ballett zudem direkt in die Klassenzimmer, um über digitale Körperbilder zu debattieren. Als größte Landesbühne Deutschlands ist das Landestheater es ohnehin „mobil“ definiert. Neben dem NORDEN Festival in Schleswig sticht der Theaterspaziergang durch Itzehoe hervor, bei dem die gesamte Innenstadt zur Kulisse wird.

„Doing Democracy“

In Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Frontlinien verhärten und der Ton schriller wird, begreifen die norddeutschen Bühnen sich nicht allein als Orte der Darstellung, sondern als Resonanzräume der Demokratie. Initiativen wie die Kieler „Bühne für Demokratie“ oder Inszenierungen wie „Putsch – Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie“ am Landestheater wirken dabei wie empfindliche Messinstrumente einer nervösen Gegenwart. Sie registrieren die feinen Erschütterungen im gesellschaftlichen Gefüge und übersetzen sie in Formen, die zum Denken und Mitfühlen anregen, als leise, aber entschiedene Gegenwehr gegen die Verlockungen des Radikalen.

Dabei bleiben die Theater nicht auf der Bühne stehen. Projekte wie die Lübecker Bürger:Bühnen oder das transkulturelle Format „Global Ga(a)rdening“ in Kiel öffnen das Theater hin zu einer Praxis, in der Teilhabe mehr ist als ein Schlagwort. Bürgerinnen und Bürger werden zu Akteurinnen und Akteuren ihrer eigenen Geschichten, zu Mitgestaltern eines gemeinsamen Narrativs. So wird das Theater zum Versuchslabor einer „Kunst des Zusammenlebens“, in dem eine superdiverse Gesellschaft sich selbst erprobt.

Ob im Gerichtssaal, im Fußballstadion, auf der „Bürgerbühne“ oder im modularen Studio: In der Spielzeit 2026/27 sucht das Theater in Schleswig-Holstein die Reibung mit der Realität.

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