„Arschgeigen spielen macht Spaß“, sagt Aaron Rafael Schridde. „Aber ich nehme, was kommt.“ Seit der Spielzeit 2022/23 ist der 31-jährige Schauspieler festes Mitglied im Ensemble des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. Zum Durchbruch verhalf ihm ein Pinguin.
Inzwischen stand Schridde in Flensburg, Schleswig, Rendsburg oder Heide schon als Rio Reiser in „Rio – König von Deutschland“ oder im „Bocksgesang“ auf der Bühne. Dabei hatte er lange Zweifel, ob es ihm gelingt, die Schauspielerei zum Beruf zu machen.
Ein Theater, viele Bühnen
Das Schleswig-Holsteinische Landestheater ist ein Haus mit mehreren Bühnen. Für das Ensemble bedeutet das: viele Stunden auf der Straße und täglich ein neues Umfeld.
„Wenn ich im Bus sitze, vergesse ich manchmal, wohin wir fahren“, gesteht Aaron Schridde. Doch das Auftreten in so unterschiedlichen Räumen sei anspruchsvoll, auch weil das Publikum in den Spielorten sehr verschieden sei. Wobei, darauf legt Schridde Wert: „Es gibt kein gutes oder schlechtes Publikum. Wenn Leute unaufmerksam sind oder mit Papier knistern, liegt es an uns, das zu ändern.“ Er gehe jedes Mal mit dem Gedanken auf die Bühne: „Die hole ich mir jetzt, die hören mir zu!“

Ein Mittel sei, von der Bühne herunter Kontakt mit dem Saal aufzunehmen. „Man kann die Leute angucken. Das ist vielen, besonders den Jüngeren, gar nicht klar. Die kommen mit so einem Kino-Gefühl und sind dann erstaunt, wenn ich ihnen in die Augen schaue.“ Die oft kleinen Theatersäle, besonders bei den Kammerspielen, sorgen auch für intime Momente und die Chance auf Interaktionen: „Bei dem Stück Dorfpunks etwa kommen oft noch Leute herein, während auf der Bühne schon Aktion ist. Da kann man improvisieren und sie einbeziehen – die Leute lieben das.“
Aus dem Sauerland nach Hamburg
So cool war der heute 31-Jährige nicht immer. Geboren wurde Aaron Schridde 1993 in Bergisch Gladbach, er wuchs auf in Kierspe, einem kleinen Ort im westlichen Sauerland mit „nicht viel drumherum“, wie er erzählt. Er besuchte eine Waldorf-Schule, und lernte „Bewegungskram“ wie die Eurythmie-Übungen, die zum Steinerschen Lehrmodell dazu gehören. Bei Schulaufführungen stand Schridde schon begeistert auf der Bühne, danach gab’s Applaus und Lob. „Aber das war alles irreal, nichts, was ich mir als seriöse Zukunftsoption vorstellen konnte.“ Er studierte also „erstmal was Vernünftiges“ – Wirtschaftswissenschaften. Nur um zu merken, „dass mich das leider so gar nicht interessierte“. Es sei ihm nicht gut gegangen bei der Beschäftigung mit Wirtschaft, Liberalismus und Kapitalismus-Theorien. Also Englisch und Politik studieren? „Nee, das war es auch nicht.“
So erinnerte er sich an die alte Leidenschaft fürs Theater: „Synchronsprecher zu werden, traute ich mir zu. Und vielleicht auch Schauspieler?“ Der Gedanke habe ihn nicht mehr losgelassen. „Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt und es versucht.“
Schauspielschule: Stehen, gehen, sprechen lernen
In einer privaten Schauspiel-Schule in Hamburg fand er einen Platz. „Da habe ich zum ersten Mal einen Begriff von dem bekommen, was Schauspielen bedeutet.“ In der Ausbildung steht alles auf dem Prüfstand: Wie jemand geht. Steht. Spricht. Schaut. Welche Bewegungen oder Haltungen sich die Schüler:innen unbewusst angeeignet haben. „Man wird auf Normalnull gesetzt“, nennt Schridde das. Erste Aufgaben im Unterricht heißen: steht gerade. Bewegt euch im Raum. Zeigt einen neutralen Gang. Auch die Stimme wird analysiert, das Sprechtempo, die Stimmlage.

Da wird viel abgekratzt, das wird sehr persönlich“, sagt Schridde. Denn immerhin muss am Ende das Gesamtpaket stimmen, muss der oder die angehende Schauspieler:in den eigenen Körper sehr gut kennen, um damit auf der Bühne zu überzeugen. „Man wird aufgerissen, aber auch wieder zusammengenäht und so bestärkt und mit Selbstvertrauen aufgeladen, dass man sich traut, zu Vorsprechen zu gehen.“
Berufsstart zu Corona-Zeiten
Denn nach der Schule kommt der Schritt in die echte Theater- oder Filmwelt. Und der ging bei Aaron Schridde richtig schief: Seinen Abschluss – mit Auszeichnung – machte er 2020. Und dann kam Corona.
Schridde hatte zum Glück bereits ein Engagement beim Theater Zeppelin in Hamburg: „Wir konnten weiterarbeiten, nur die Aufführung wurde immer wieder verschoben.“ Er fand eine Agentur, bekam mehrere kurze Engagements und kleinere Drehtermine. Von Anfang an sei er selten als junger Liebhaber besetzt worden, eher als Charakterdarsteller, und „oft ziemlich speziell“. Ein Rollenfach, das ihm gefällt: „Da geht in Zukunft bestimmt noch einiges.“
Zum Landestheater kam er über ein Casting für ein Märchenspiel. Und dabei half eine ganz bestimmte Rolle:
„Ich gab einen wahnsinnig guten Pinguin. Das hat den Chef wohl beeindruckt.“
Besetzt wurde er dann als Großwesir und überzeugte erneut: „Nach einiger Zeit kam ein Anruf mit der Frage, ob ich Lust auf eine andere Rolle hätte.“
Kein Respekt vor Textbergen
Als Ensemblemitglied muss Schridde parallel in mehreren Stücken auftreten. Das bedeutet, große Textmengen zu beherrschen. Ein Problem? Aaron Schridde setzt sich in Positur und zitiert aus dem Stegreif einen Monolog aus einem klassischen griechischen Drama: Diesen mehrseitigen Bericht eines Boten musste er während seiner Ausbildung auswendig lernen, er hat ihn immer noch im Kopf. „Es wird einfach verlangt, dass man das drauf hat. Und man verliert den Respekt vor großen Textmengen, wenn man es regelmäßig macht.“
Dennoch geht manchmal etwas schief. Beim Rio-Reiser-Musical etwa blieb Schridde in einer Vorstellung hängen, ausgerechnet bei einem Satz, der mit dem Wort „Scheiße“ endete. „Das habe ich aus Verzweiflung fünfmal wiederholt, bis eine Kollegin mich rettete.“
Ziel: Auch in Zukunft für den Beruf brennen
Am Theater liebt Aaron Schridde die gemeinsame Arbeit an einem Stück. „Einige Regisseure haben ein festes Bild im Kopf, andere lassen probieren. Aber so oder so findet man gemeinsam etwas heraus und entwickelt etwas Neues.“ Hinzu kommt das Live-Moment auf der Bühne, das jeden Abend einzigartig macht.
„Klar, wenn Quentin Tarantino anruft und mich für seinen letzten Dreh will, würde ich auch Film machen“, scherzt Schridde. Aber grundsätzlich reize ihn das Spielen im Ensemble mehr als Film oder Fernsehen. Heute lebt er mit seiner Frau in Rendsburg. Der Wechsel aus Hamburg sei am Anfang schwer gewesen, inzwischen mag er die Mittelstadt an Eider und Nord-Ostsee-Kanal. Wenn es geht, würde er gern noch lange am Landestheater bleiben, in kleinen wie großen Rollen: „Irgendwann an einem Ort ankommen, Theater machen und auch im höheren Alter noch für den Beruf brennen, das wäre der Traum.“