Schleswig und die Marke Wikingerstadt

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Die Stadt Schleswig wirbt seit 2015 aktiv mit einer Wikingervergangenheit. Doch das Branding als Wikingerstadt stößt auch auf Kritik. 2023 arbeitete eine externe Kommission gemeinsam mit der Bevölkerung an Lösungswegen. Was zwei Jahre später nachwirkt.

Eine Stadt auf sumpfigem Grund

Als im Jahr 2015 am Schleswiger Stadttheater die Abbrucharbeiten begannen, da kein finanzierungsfähiger Plan zur Rettung des einsturzgefährdeten Gebäudes bestand, war die Stadt geradezu sinnbildlich von einer früheren Vergangenheit eingeholt worden. Die Mauern standen auf sumpfigem Grund, eine Erinnerung an das Landschaftsbild zur Gründung der Stadt im 11. Jahrhundert. Zu der Zeit gab die Bevölkerung das durch Kriege stark in Mitleidenschaft gezogene Haithabu einige Kilometer weiter südlich auf. Die neue, an zentraleuropäischen Vorbildern orientierte, mittelalterliche Stadt Schleswig ersetzte die größere Handelssiedlung.

Mit dem Abriss des Theaters aus dem späten 19. Jahrhundert, dazu der unsicheren Lage im Verbund des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, entschwand auch das bis dahin geltende Motto der „freundlichen Kulturstadt“. Schleswig gab sich nun den Namenszusatz „Wikingerstadt“. Es war eine Neuausrichtung städtischer Marketingbemühungen unter dem Eindruck einer ungünstig veränderten Ausgangslage.

Hatte die Stadt Schleswig nach dem Zweiten Weltkrieg die Abwanderung der Landesregierung und der Verwaltungsbehörden nach Kiel verschmerzen müssen, so war ihr immerhin der Ruf als Kulturzentrum des Landes sicher gewesen. Museen, Theater, auch saisonale Ereignisse wie die Gottorfer Schlosshofspiele gehörten in das Portfolio der Stadt. Doch 70 Jahre nach Kriegsende brachen empfindliche Posten des Kulturbetriebs in Schleswig weg. Eine Lösung bot sich an: die Wikinger.

Von der „freundlichen Kulturstadt“ zur „Wikingerstadt“

Wikinger als Botschafter der Stadt hatten bereits eine Vorlage in der lokalen Wirtschaft. So musste nur der Impuls genutzt werden. Die historischen Stätten, die sich mit Wikingern in Verbindung bringen ließen, waren nicht fern. Selbst der museale Blick von der Gottorfer Schlossinsel und dem Stadtmuseum im Günderothschen Hof schweift unter diesem Aspekt hinüber zur alten Siedlung aus der Wikingerzeit. Allerdings lag Haithabu, das nachweislich eng mit der Geschichte der Stadt Schleswig verbunden war, außerhalb der Stadtgrenzen, ebenso der größere Teil des Danewerks. Nur ein Abschnitt des Nordwalls befindet sich im Stadtteil Friedrichsberg.

Die Wikingerbank im Stadtweg als selbstbewusster Markenträger. Foto: Suttkus

Entsprechend kam es nach der Entscheidung für das neue Motto zu vehementen Gegenstimmen aus der Bevölkerung. Kritisch äußerte sich nicht zuletzt die Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte. Der Vorwurf lautete, sich einen Begriffskomplex dienlich zu machen, der sich auf die Stadt Schleswig an sich nicht beziehen könne. Jenseits der Wikinger habe die Schleswiger Vergangenheit genug zu bieten. In der ältesten europäischen Stadt des Bundeslandes finden sich mittelalterliche und barocke Besonderheiten, die vorhanden und vorführbar seien. Schleswig blicke auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Nur verfestigte sich im Stadtmotto das, was sich historisch nicht fassen lasse.

Auf der Suche nach Wikingern in der Stadtgeschichte

Sieben Jahre später bemühte sich die Stadt um Aufklärung in der Streitfrage. Zusätzlich ging es darum, die Möglichkeiten einer aktiven Nutzung der längst angeregten Marke auszuloten. Die wissenschaftliche Beratung erfolgte durch das Büro für angewandte Archäologie AGIL. Den Austausch mit der Schleswiger Bevölkerung, der von Winter bis Spätsommer 2023 stattfand, organisierte das Beratungsunternehmen „Mensch und Region“.

Anfang 2023 stand der wissenschaftliche Unterbau für das Projekt fest. Die vorangegangene Kritik bestätigte sich weitgehend. Archäologisch, das heißt auf Grundlage von Bodenfunden, lässt sich nachweisen, dass Haithabu im 11. Jahrhundert aufgegeben und die Stadt Schleswig errichtet wurde. Ihr hochmittelalterliches Erscheinungsbild prägt bis heute das Gesicht der Altstadt und des Holms. Belege für eine ältere Besiedlung ließen sich bislang nicht finden, was angesichts der Bebauung der angenommenen Fläche auch schwierig sei.

Die schriftliche Quellenlage des Frühmittelalters lässt ebenso wenig eine eindeutige Aussage zu. Seit dem 9. Jahrhundert kursieren für Haithabu in fremdländischen Texten verschiedene Ortsnamen, auch solche, die Schleswig vorausgreifen. Dabei scheint es sich um eine einzige Stadt oder Siedlung zu handeln. Noch im 16. Jahrhundert wird die frühere Gleichsetzung von Schleswig und Hedeby angenommen. Der Name richtet sich danach, ob der Text eher von deutscher oder volkstümlich dänischer und friesischer Seite komme. Somit scheint es, dass erst die jüngere Forschung, gestützt auf archäologische Hinweise, auch die Namen nach zwei Orten trennt.

Wikingerbezüge überall, hier beim Klettergerüst auf dem Wikingerspielplatz an den Königswiesen. Foto: Suttkus

Ein Wikinger-Bild jenseits des Klischees

In ihrem Gutachten wiesen die Wissenschaftler auf einen weiteren Punkt hin. So seien nämlich die Wikinger zu keiner Zeit als ein Volk zu verstehen gewesen, sondern viel eher als ein Phänomen. Der Begriff Wikinger wurde, so das Fazit, aus der altnordischen Wendung „fara í víking“ entlehnt, was die bekannten Raubzüge bezeichnet, mit denen aus Skandinavien stammende Seeräuberverbände als Schreckgestalten Einzug in west- und mitteleuropäische Annalen fanden. Als übergeordnete Gruppe sollten sie also besser als Skandinavier bezeichnet werden.

Gewiss, wurde hervorgehoben, sei auch das öffentliche Wikingerbild inzwischen nicht mehr ausschließlich eines von plündernden, verheerenden Barbaren, sondern das einer Gesellschaft, die von Landwirtschaft, Handwerk und Handel geprägt war. Im Rahmen von drei Debatten an Runden Tischen mit Institutionen und Vereinen aus der Stadt und dem Umland betonten die Beteiligten, wie wichtig der historisch-kritische Umgang mit den Fakten sei. Es gelte, nicht wieder ein verfälschtes Wikingerbild zu beschwören, das allein kommerziellen Zwecken diene.

Ziel war es nun, den einmal abgesteckten Claim „Wikingerstadt“ auf umsichtige Weise so zu entwickeln, dass er einerseits offen und alltagstauglich in die Gesellschaft vor Ort hineinwirke und andererseits wirtschaftlich und touristisch nutzbar sei. Nicht zuletzt angesichts des weitreichenden Mangels an genuin nachweisbaren Stätten der Wikinger wurde mit Nachdruck auf die Zusammenarbeit innerhalb der erweiterten Stadtregion Schleswig an den Welterbestätten Danewerk und Haithabu hingewiesen, bis zur Einbindung des Naturraumes Schlei. Hierfür bot sich der bestehende Zusammenschluss innerhalb der touristischen Marke „Ostseefjord Schlei“ an.

Die Wikingerampel – zuerst in Haddeby, nun auch in Schleswig. Foto: Suttkus

Schleswig präsentierte sich im Titel des Projektes vorsichtiger als „Erbe der Wikinger“, was wesentlich Richtiges ausspricht. Das Zeitalter der Wikingfahrten ist vorüber, und die Stadt hält das Erbe einer wikingerzeitlichen Siedlung, sei es dort, wo die Stadt heute steht, oder von Haithabu drüben am Haddebyer Noor.

Die „Wikingerstadt“ als Zukunftsprojekt

Im August 2023 fand die öffentliche Abschlusspräsentation zusammen mit dem dritten, abschließenden Runden Tisch statt. Eine vorerst letzte große Zusammenkunft aller Beteiligten und Interessierten sollte es werden. Die „Wikingerstadt“ sollte endlich vom Streitthema zur zukunftsfähigen Marke werden, einer Marke, die für die Stadt und das Umland insgesamt wirken sollte, stets unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Fakten.

Gerade letzteres wurde besonders deutlich und wiederkehrend betont, möglicherweise weil sich im Zuge der öffentlichen Debatte immer wieder die Sorge vor einer Vereinnahmung durch rechtsextreme, völkische Gruppen zeigte. Im Zusammenhang mit den etablierten Wikingertagen war es in der Vergangenheit zu vereinzelten Vorfällen gekommen, die offenkundig noch ihre Nachwirkung zeigten.

Denkbarer Anknüpfungspunkt für völkisches Gedankengut: Die Neun-Welten-Säule am Eingang zum Lollfuß. Foto: Suttkus

Ein Wikinger-Wimmmelbild voller Gegensätze

Zwei Jahre später, 2025, zeigt sich öffentlich nicht viel von den Visionen, unter deren Eindruck das Leitbild „Erbe der Wikinger“ beschlossen wurde. Es bleibt in der Stadt ein weiterhin aktives Wimmelbild von Gestaltungsansätzen. Die führen vom Lollfußer Mythenpfad in den Stadtweg mit einer Wikingerbank, die 2024 Ziel von Vandalismus wurde, über einen Wikingerspielplatz auf den Königswiesen.

Nach der Wikingerampel in Haddeby folgte eine weitere in Schleswig an der Bismarckstraße. Ansonsten tauchen Wikinger an verschiedenen Stellen auf: Wikingerfiguren als Werbeträger, Wagners Hörnerhelme im Eisverkauf. Die Wikingertage sind weiterhin ein Publikumsmagnet, ein Spektakel neben den gegenüber im Wikinger Museum Haithabu stattfindenden Märkten.

Das Fenster an den Königswiesen zeigt eine Fantasie der Jürgensburg. Foto: Suttkus

Auf den Königswiesen ist seit einiger Zeit ein Fenster zu entdecken, das denen, die hinüber zur Möweninsel schauen, einen Blick auf die längst abgebrochene Jürgensburg gewährt. Die Burg war im Hochmittelalter errichtet worden, hatte also auch nichts mehr mit den vorsichtig benannten Wikingern zu tun. Das Fenster zeigt aber den Willen, die Geschichte der Stadt im öffentlichen Raum erlebbar zu machen.

Dass sich die Darstellung der Burg dabei vor allem aus der Fantasie der Schleswiger Bevölkerung speist, ist dabei geradezu nebensächlich. Immerhin zeigt dieses Beispiel auf spielerische Weise eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Gewesenen, auch wenn das Bauwerk verschwunden ist.

Transparenzhinweis: Arne Suttkus war als Historiker im Team des Büros AGIL beratend an Grundlagenforschung und Gesprächen zum Projekt „Schleswig – Erbe der Wikinger“ beteiligt.

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