Drei künstlerische Gedankenspiele und eine ganz praktische Lösung für Handwerker:innen – dafür gab es in diesem Jahr die Arthur-Petersen-Preise der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel. Die preisgekrönten Werke sind bis Sonnabend, 17. Januar, im Ausstellungsraum Sp_ce in der Kieler Innenstadt zu sehen.
Abschlussarbeiten der Masterstudiengänge
Fragen, ganz unterschiedlich, aber doch mit Gemeinsamkeiten, standen am Anfang der Arbeiten von Lisa Karnauke, Irina Janson, Patrick Wüst und Arvid Riemeyer. Alle vier studierten an unterschiedlichen Ausbildungsgängen der Muthesius-Kunsthochschule. Sie erhielten je einen mit 2.500 Euro dotierten Preis von der Arthur-Petersen-Stiftung. Die Preise wurden im Jahr 2025 zum dritten Mal vergeben.

Was tun angesichts schier unbegrenzten Wahlmöglichkeiten? Diese Frage bewegte Lisa Karnauke, Preisträgerin im Studiengang Freie Kunst. „the sky is the limit“, lautet der Titel ihres Masterprojekts, das die Professor:innen Andreas Greiner und Petra Maria Meyer betreuten. Lisa Karnauke kombiniert in ihrem Werk eine aus Beton gefertigte Schaukel mit dem wandfüllenden Video eines einzelnen Händepaars. Die Hände vollführen ein Klatschspiel, begleitet vom Sprechgesang einer Frauenstimme, die sich ständig wiederholende Reime spricht. Gesang und Handbewegungen werden immer schneller, am Ende verhaspelt sich die Stimme.
„Für mich ist das eine Metapher für das Gefühl von Ohnmacht angesichts einer Welt, in der eigentlich alles möglich ist – aber es doch Hindernisse gibt“, sagt Karnauke. Für die 1988 in Cottbus geborene Künstlerin ist der Arthur-Petersen-Preis eine „große Anerkennung, die unfassbar motiviert“. Es sei großartig, dass eine Jury signalisiere: „Ja, wir glauben an deine Arbeit.“ Karnauke will weiter frei künstlerisch arbeiten. Geplant ist die Gründung eines Ateliers mit anderen Künstler:innen. Nebenbei ist sie in anderen Bereichen tätig, unter anderem bei der Organisation des Jugendkulturpreises der Stadt Kiel.
Blick zurück: Was bleibt von der Vergangenheit?
Während Karnaukes Arbeit in die Zukunft schaut, werfen Irina Janson und Patrick Wüst Blicke zurück. Welches Bild aus der Flut von Fotos soll bleiben? Diese Frage stellte Wüst, der den Studiengang „Raumstrategien“ absolvierte, nicht nur sich selbst. Per Social-Media-Kampagne und Flugblättern wollte er eine breite Öffentlichkeit erreichen. „Mein Ziel war, Leute auch jenseits meiner Bubble zu erreichen“, sagt der Masterabsolvent, der 1993 in Sinsheim geboren wurde.
Er bat in seinem Aufruf um die Einsendung genau eines Fotos mit der Begründung, was dieses Bild so einzigartig macht, dass es „für die Ewigkeit“ aufbewahrt werden soll. Diese Ewigkeit besteht zunächst einmal darin, das digitale Foto in die analoge Welt zu holen. Wüst bannte 100 Einsendungen auf Diafilm. Wo der am Ende gelagert wird, sei aber noch unklar, sagt der Nachwuchs-Künstler. „Vielleicht gründe ich selbst ein Archiv oder suche nach einem nicht-kommerziellen Angebot.“ Den Preis gewann er auch dafür, dass er die Dias mit zugehörigen Texten in einem leerstehenden Haus inszenierte. Schließlich steht die Gestaltung des Raums – etwa für Ausstellungen – im Zentrum seines Studiengangs. Das Projekt hat Professor Manfred Schulz betreut.

Erinnerung an das Haus der Großeltern
Auch Irina Janson arbeitet mit Fotos. „wie schön sind abende in gornyatski“, heißt ihre Abschlussarbeit im Studiengang Kommunikationsdesign. Die Gestalterin wurde 1998 im kasachischen Rudnyj geboren, zog aber als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Um Heimat und Fremdheit geht es in ihrem Masterprojekt. Diese Gefühle verbindet Janson mit dem Häuschen ihrer Großeltern in Kasachstan, das sie als Kind oft besuchte. Nach dem Tod des Großvaters im Jahr 2023 kam die Familie dort noch einmal zusammen und räumte das Haus. Auch Irina Janson war dabei und fotografierte ihre Verwandten bei alltäglichen Arbeiten. Diese Fotos kombinierte sie mit älteren Familienbildern zu einem Fotobuch.

Wichtig sei dabei der Weißraum zwischen den Bildern, erklärt sie. Teilweise enthält das Buch sogar komplett leere Seiten, durch deren dünnes Papier die Abbildungen auf der Rückseite schwach durchschimmern. Diese schattenhaften Bilder lassen sich beim Betrachten durch eigene Erinnerungen ersetzen. Und auch eine Antwort auf die Frage, warum das aus der Kindheit vertraute Haus auf einmal fremd wirkt, könne jede:r Betrachter:in für sich beantworten, wünscht sich Janson: „Ich will eine Projektionsfläche bieten.“ Der Preis bedeute eine große Bestätigung für diese sehr persönliche Arbeit. Das Projekt, das an der Schnittstelle der Lehrgebiete Fotografie, Typografie und Buchgestaltung entstanden ist, haben die Professor:innen Christine Erhard, Annette le Fort, Petra Maria Meyer und André Heers betreut.
Wie kommt der Werkzeugkasten von A nach B?
Während seine Kommiliton:innen mit ihren Arbeiten in die Zukunft oder die Vergangenheit blicken, schaute Arvid Riemeyer auf die Straße und fand ein Problem. Wenn der Verkehr sich vom Auto zum Fahrrad verlagert – wie es für die Verkehrswende nötig ist – was tun Handwerker:innen, die meist sperriges und schweres Werkzeug transportieren müssen? Riemeyer sprach mit vielen Praktiker:innen, besuchte Kieler Handwerksbetriebe und fuhr mit den Beschäftigten zu Bauplätzen und Einsatzorten. Aus diesen Erfahrungen entwickelte der 1996 in Eutin geborene Designer einen Multifunktions-Sackkarre. Sie lässt sich ziehen oder an ein Fahrrad anhängen. In eigens entworfenen Fächer passen auch längere Geräte, Werkzeugkisten aller Formate finden auf der Grundplatte Halt. Für diese Arbeit im Studiengang Industriedesign Riemeyer bereits eine Interessenten gefunden: Eine Firma will den Handwerker-Anhänger in Serie produzieren. Riemeyer selbst hat in derselben Firma einen Arbeitsvertrag erhalten.
Kunst ist das gallische Dorf
Alle Preisträger:innen repräsentierten ihr Fach auf großartige Weise, sagte Dr. Arne Zerbst, Präsident der Muthesius-Kunsthochschule. Den Arthur-Petersen-Preis nannte er einen Seismografen. Mehrere der bisher ausgezeichneten Talente seien nach ihrem Studium weit über Kiel und Schleswig-Holstein hinaus in der Kunst- und Designwelt wahrgenommen worden. Ausstellungen und solche Preise seien wichtig. „Gerade in den heutigen, politisch angespannten und schwierigen Zeiten halte ich die Stimme der Kunst für immens wichtig, um zu zeigen, dass es noch etwas anderes gibt“, sagte Zerbst. Angesichts weltweiter nationalistischer Tendenzen sei die Kunst das kleine gallische Dorf, das Widerstand leiste.