Für jemanden wie mich, der in den 1970er Jahren in eine nicht mehr ganz so junge, demokratisch stabile und dennoch noch durch die Vergangenheit gezeichnete Bundesrepublik geboren wurde, spielte Jürgen Habermas keine besondere Rolle. Nicht, weil seine Thesen und Gedanken nicht relevant gewesen wären, sondern ganz im Gegenteil: Ich wurde in den 1980er und 1990er Jahren geprägt und das meiste, was Jürgen Habermas schon früh durch seine Debattenbeiträge und Schriften zur Entwicklung unserer Gesellschaft beigetragen hatte, war so in die Kultur eingesickert, dass es mehr oder weniger als selbstverständlich galt. Im Studium und im Ehrenamt, etwa in der Jugendarbeit, ging uns der Zwang des zwanglosen Arguments in Fleisch und Blut über. Wir wollten nicht überzeugen, weil das mit Gewalt verbunden war, sondern wir wollten argumentativ begeistern.
Habermas’ Sprach- und Demokratietheorie, in der Vernunft vor allem in gelingender Kommunikation liegt, oder, anders gesagt, Kommunikation eigentlich nur vernünftig sein kann, weil alles andere totalitär, vereinnahmend oder gar gewalttätig wäre, war für uns selbstverständlich. Wir waren überzeugt, dass Menschen nicht nur strategisch oder gar machtorientiert handeln, sondern verständigungsorientiert. In idealen Diskursen zählen allein die besseren Argumente, nicht Macht oder Geld. Das stellten wir gar nicht infrage, sondern setzten es in der pädagogischen Arbeit mit Jugendgruppen voraus.
Wenn wir miteinander redeten, taten wir natürlich so, als ob das, was wir sagten, wahr, richtig und ehrlich wäre. Schließlich ist es ja unsere Meinung. Und wir waren uns einig, dass andere unsere Meinung jederzeit anzweifeln und nach Begründungen fragen sollten. Aus dieser dialektischen Idee entwickelte Habermas seine Art von Ethik: Regeln und Gesetze sind nur dann wirklich gerecht, wenn alle, die davon betroffen sind, in einer fairen und freien Diskussion zustimmen könnten – also ohne Druck, Angst oder Machtspielchen. Seine gerne und immer noch zitierte These von der „Theorie des kommunikativen Handelns“ besagt, dass Sprache Geltungsansprüche auf Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit in sich trägt, die im offenen Diskurs kritisiert und begründet werden müssen. Daraus folgert Habermas eine Konsens- und Diskursethik. Auch Normen – und somit kulturelle Vereinbarungen – sind nur dann legitim, wenn sie in einem herrschaftsfreien Diskurs von allen Betroffenen akzeptiert werden könnten.
Habermas unterschied zwischen Lebenswelten wie der Kultur, Öffentlichkeit und Systemen wie zum Beispiel Wirtschaft und Verwaltung. Die Krise beginnt dann, wenn Systeme die Lebenswelten vereinnahmen oder unterminieren. Dagegen setzte der Gelehrte ein Modell der deliberativen Demokratie. Ein rechtlich verfasster Staat bleibt nur legitim, wenn eine kritische Öffentlichkeit politische Entscheidungen argumentativ mitberät und kontrolliert. Jürgen Habermas wollte die Errungenschaften der Aufklärung wie Freiheit, Gleichheit oder Solidarität durch Recht, Öffentlichkeit und rationale Diskussion sichern.
Die Gefahr, dass große Tech-Unternehmen, die unvorstellbar viel Geld und noch mehr Daten besitzen, die Demokratie beherrschen und letztlich nach eigenem Gusto steuern, ist real.
Was bedeutet es für ein langes Leben, wenn man am Ende erkennen muss, dass alles, wofür man gedacht und gekämpft hat, infrage gestellt wird? In den vergangenen Jahren setzte sich Habermas – neben dem von ihm als Mangel empfundenen Verschwinden von Religiosität und metaphysischen Orientierungen – verstärkt auch mit der digitalen Transformation und sozialen Netzwerken auseinander. Die Gefahr, dass große Tech-Unternehmen, die unvorstellbar viel Geld und noch mehr Daten besitzen, die Demokratie beherrschen und letztlich nach eigenem Gusto steuern, ist real. Geopolitisch und häufig auch wirtschaftspolitisch zählt nicht mehr das bessere Argument, sondern die Macht des Geldes und der Daten und immer öfter des Militärs. Das sind Prozesse, die schon vor einiger Zeit eingeläutet wurden und alles, was Habermas über eine vernünftige und aufgeklärte Gesellschaft dachte, gefährdeten.
Was für mich vor vierzig Jahren selbstverständlich war, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Wir leben in Zeiten, in denen wieder das Recht des Stärkeren gilt, und Meinungen, auch wenn sie unvernünftig sind, weit in die (digitale) Welt hinausgeblasen werden. Wir müssen dieser Bedrohung einer vernünftigen Kultur ernsthaft ins Auge sehen. Alternative Fakten werden als solche präsentiert. Faire Diskussionen werden rar, oder sagen wir es so: Basta ist wieder in, der Kompromiss, das Ergebnis deliberativer Demokratie, wird schlecht geredet. Das war es, wodurch wir geprägt waren, nicht zuletzt durch das Wirken von Jürgen Habermas. Der Niedergang der Vernunft begann indes schon vor einiger Zeit. Habermas’ Gedanken fanden außerhalb intellektueller Kreise immer weniger Gehör, obwohl er nie aufgab und sich immer wieder in den gesellschaftlichen Diskurs einschaltete. Nun ist er verstummt, und wir werden ihn noch mehr vermissen.