Dass die Dirigentin Inga Hilsberg Anfang 2022 ausgerechnet beim Marinemusikkorps landen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. „Mein Vater ist in den 60ern nach Berlin gegangen, damit er nicht zum Bund muss“, erzählt sie lachend. Sie selbst hat 1991 Abitur in Westberlin gemacht – mit dem Wissen: „Wir sind Berliner, wir müssen niemals zum Bund.“ Dann kam die Wiedervereinigung, und zwei Wochen vor den Abiturprüfungen erhielten ihre Klassenkameraden plötzlich Einberufungsbescheide. Inga Hilsberg erinnert sich an das Chaos, das plötzlich ausbrach, und sagt trocken: „Das waren meine Erlebnisse mit der Bundeswehr, das war aber auch alles.“
Trotzdem: Ein befreundeter Rotarier – bei diesem Club engagiert sich Inga Hilsberg seit fast 20 Jahren – meinte schon vor langer Zeit zu ihr: „Du musst unbedingt zum Militärmusikdienst gehen, du passt dahin wie Arsch auf Eimer!“
Vom Musical zur Marine
Die Dirigentin Inga Hilsberg war damals vor allem in der Musicalwelt unterwegs. Neben ihren Engagements an zahlreichen Musicalhäusern hat sie gemeinsam mit ihrer Schwester Esther Hilsberg-Schaarmann die Deutsche Musical Company als Teil der Kammeroper Köln betrieben. Inga Hilsberg arbeitete dort als Chefdirigentin. Während der Coronapandemie waren die finanziellen Reserven nach einem Jahr aufgebraucht und das eigene Theater musste geschlossen werden, nur der Tourneebetrieb wurde aufrecht erhalten. Inga Hilsberg sah sich nach einem neuen Job um – und entdeckte eine Anzeige der Bundeswehr.
Auf die Frage, was ihr Freund damit gemeint hat, dass sie so gut in den Militärmusikdienst passen würde, hat Inga Hilsberg nicht sofort eine Antwort parat. „Vielleicht“, sagt sie schließlich, „wegen meine Persönlichkeit, weil ich mir in einer sehr männergeführten Domäne nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen lasse.“
Dazu kommt: Inga Hilsberg ist ehrgeizig und diszipliniert. Das muss sie auch sein, denn am Anfang ihres neuen Berufs stand die körperlich anspruchsvolle Grundausbildung der Bundeswehr. Mit dem 15 Kilogramm schweren Rucksack den Berg hinauf: Für sie war das kein Grund zum Jammern, auch wenn sie als Seiteneinsteigerin, als Frau und mit fast 50 Jahren einige Nachteile hatte.
„Ich bin so erzogen worden: Wenn ich mich für etwas entscheide, dann beiße ich mich durch und finde meinen Weg.“
Dieser Weg führt sie schließlich nach Kiel, als Kapitänleutnant und Leiterin des Marinemusikkorps Kiel, und damit in eine Welt, die sich stark von der freien Szene unterscheidet.
Gelöbnisse und Benefizveranstaltungen
Musikalisch gibt es laut Inga Hilsberg keine großen Unterschiede zu ihren früheren Engagements. Aber die Anlässe, zu denen der Marinemusikkorps spielt, sind andere als bei einem zivilen Orchester. Inga Hilsberg unterteilt sie in drei Säulen.
Die erste Säule: Gelöbnisse oder Appelle, „gerade wenn wir neue Rekruten bekommen, das ist für die total emotional und super wichtig“. Das gilt bei der Marine auch für die Verabschiedung und Begrüßung von Schiffen: „Unsere Musik ist das Letzte und das Erste, das sie vom Festland hören.“
Die zweite Säule: Konzerte im Ausland zur Völkerverständigung, zum Beispiel jedes Jahr am 3. Oktober. In diesem Jahr fand das Konzert in Pristina (Kosovo) statt.
Die dritte Säule: Benefizveranstaltungen, bei denen die Marine das Orchester kostenlos zur Verfügung stellt, um für den guten Zweck zu sammeln. „Das ist etwas, was die Bundeswehr der Bevölkerung zurückgibt.“ Besonders erfolgreich war ein Konzert, das 2025 in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Lions-Club in der Wunderino-Arena stattfand. Bei der Veranstaltung wurden Spenden für den Verein Trauernde Kinder Schleswig-Holstein e.V. gesammelt, verbunden mit einer Feier zu 80 Jahre Kriegsende und 70 Jahre Bundeswehr. „Das war ein irres Konzert“, berichtet Inga Hilsberg, „da haben wir 20.000 Euro gesammelt.“
Gorch Fock in New York begrüßen
Inga Hilsbergs Terminkalender ist immer noch voll, aber sie ist mit dem Marinemusikkorps weniger oft unterwegs als früher in der freien Szene. Eins ihrer Highlights beim Militär war sicherlich auch deshalb eine Reise in die USA. Zum 250. Independence Day ist das Segelschulschiff Gorch Fock dorthin gefahren, mit New York als Ziel der Ausbildungsreise – und der Marinemusikkorps ist hinterhergeflogen. „Wir haben die Gorch Fock tatsächlich am 4. Juli in New York begrüßt“, erzählt Inga Hilsberg stolz. „Das war ein unfassbares Erlebnis, denn sowas kommt nie wieder!“ Dazu kamen Konzerte gemeinsam mit den Bands der US Navy und der US Marine.
Disziplin und Emotion
Alle Musiker*innen in dem Orchester haben nicht nur ihr Instrument studiert, sondern sind auch Soldat*innen, die im Ernstfall im Sanitätsbereich eingesetzt werden könnten. Sie sind unglaublich diszipliniert, haben gelernt während des Musizierens im Gleichschritt zu marschieren. „Manches Mal war es mir bei den Proben zu diszipliniert“, sagt Inga Hilsberg über ihre Anfänge beim Marinemusikkorps. Denn: Musik könne man ja nur machen, wenn man emotional sei.
Inga Hilsberg ist nicht nur die Dirigentin, sondern gleichzeitig auch die Disziplinarvorgesetzte ihrer Musiker*innen. Sie beurteilt, wer vom Soldaten auf Zeit zum Berufssoldaten befördert werden könnte. Das würde die Orchestermitglieder manchmal verunsichern. Doch Inga Hilsberg hat ihnen deutlich gemacht: „Ich wünsche mir, dass sie beim Spielen mit den anderen kommunizieren, miteinander musizieren und sich ausprobieren!“ Denn für Inga Hilsberg ist das Wichtigste an ihrem Beruf:
„Wir dürfen andere Menschen glücklich machen und haben dabei noch Spaß, das ist ein großes Geschenk!“
Abschied von Kiel

Nach fast fünf Jahren in Kiel verlässt Inga Hilsberg den Marinemusikkorps zum 19. November 2026. Sie wechselt zum Heeresmusikkorps Hannover, näher an ihre Familie in Köln. Was ihr an Kiel fehlen wird? „Ich mag die Menschen hier. Ich mag es, fünf Minuten zu laufen und dann an der Küste zu sein“, sagt Inga Hilsberg. „Ich liebe einfach Schiffe und Seefahrt!“
Vor ihrem Abschied stehen aber noch einige Auftritte an: Wohltätigkeitskonzerte in Eckernförde und Itzehoe sowie eine gemeinsame Veranstaltung mit den Heeresmusikkorps aus Koblenz und Kassel. Alle Termine gibt es hier: Marinemusikkorps Kiel.
Die Reihe „Mensch, Musik!“ erscheint in Kooperation mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein. Alle bisher erschienenen Portraits sind → hier zu finden
