Jakob Schwerdtfeger ist Kunsthistoriker – und Stand-up-Comedian. Ein Gespräch über Kunst und Humor, die Gratwanderung zwischen Ernst und Heiterkeit und was Kunst auslösen kann.
kulturkanal.sh: Du hast Kunstgeschichte studiert, jetzt arbeitest du im Comedybereich. Wie kam es dazu?
Jakob Schwerdtfeger: Nach meinem Studium habe ich im Museum gearbeitet und parallel abends auf der Bühne gestanden und lustiges Zeug gemacht. Vor sechs Jahren habe ich dann gedacht: Warum bringe ich das nicht zusammen? Kunst ist das Thema meines Lebens. Humor aber auch. Da kam mir die Idee: Ich mach es einfach anders als in den ernsten und hochgestochenen Texten im Museum.
Bis dahin war es aber ein langer Weg. Ich hab letztens aus Spaß die Texte gelesen, die ich früher im Museum geschrieben hab und: Wow, sind die schlecht. Ich war nicht besser als das, worüber ich mich aufrege. Weil ich dachte, so muss man über Kunst reden. Das muss man aber nicht. Man kann über Kunst auch lustig reden oder schreiben, auf Augenhöhe, humorvoll und: mit Leidenschaft.
Wie waren die Reaktionen in der jeweiligen Branche auf deine Kunstcomedy, also wie hat die Comedyszene darauf reagiert, dass du deinen Fokus auf Kunst legst und wie hat die Kunst- und Museumsszene darauf reagiert, dass du aus ihrem Material Comedy machst?
In der Comedyszene haben viele gefragt: Bist du dir sicher, dass du dich so bewusst in eine Nische manövrieren willst? Wenn man auf der Bühne über seinen Alltag spricht, wie ich früher, hat man automatisch eine breite Zielgruppe. Aber jetzt, wo mein Programm gut ankommt, das Buch gut gelaufen ist, kommen viele Comedians auf mich zu und sagen: Krass, dass das geklappt hat.
Ich spiele außer Konkurrenz in dieser Nische. Und ich habe mir meinen Job einfach selbst ausgedacht. Das fällt mir manchmal auf: Ich bin der einzige Kunstcomedian in Deutschland.
Man könnte denken, in der Museumsszene würde es aufstoßen, dass ich so unkonventionell über Kunst spreche. Das ist aber gar nicht so, da kommt viel positives Feedback.
„Kunst kann die gesamte Klaviatur aller Emotionen auslösen.“
Du hattest es eben schon angesprochen: Kunst kann ganz viele Emotionen auslösen. Bei deiner Bühnenshow geht es viel um Humor. Welche Emotionen kann Kunst noch auslösen?
Alle. Kunst kann die gesamte Klaviatur aller Emotionen auslösen. Genauso wie Literatur und Musik ist sie dafür da, dass wir mit uns selbst klarkommen. Und natürlich schlagen sich da irgendwie alle Emotionen nieder, die es gibt.
Kunst kann mich persönlich total beruhigen. Aber manchmal gibt es auch Werke, die ich nicht länger als fünf Minuten aushalten kann, dann gehe ich aus dem Raum raus und komme zehn Minuten später wieder. Vor Werken von Vermeer stehe ich vollkommen ergriffen. Auch abstrakte Kunst berührt mich sehr. Bei den verzerrten Gesichtern von Francis Bacon denke ich immer: Durch was für emotionale Täler er gegangen sein muss. Das macht etwas mit mir.
Ein Besuch im Kunstmuseum kann auch negative Gefühle auslösen, wie Langeweile oder Unverständnis. Wie kann man lernen, Kunst positiv zu erfahren?
Ich kann es komplett nachvollziehen, wenn Leute im Museum nicht so viel Spaß haben, vor allen Dingen, weil sie sich dumm fühlen. Manche Museen tun einiges dafür, dass man sich dumm fühlt, indem sie Werke gar nicht oder in hochgestochener Sprache erklären.
Um Spaß zu haben im Museum, muss man den Werken eine Chance geben, indem man sich auch mal länger vor einem Bild aufhält. Und indem man weitergeht, wenn einem die Werke nicht gefallen. Wenn es beim Frühstücksbuffet im Hotel Lachs gibt und ich mag keinen Lachs, stelle ich mich auch nicht davor und sage „Ihhh, Lachs“. Sondern ich sage: „Ah, cool, da hinten steht der Streichkäse.“
Wie können Museen dazu beitragen, dass sich alle in ihnen wohlfühlen?
Kunst ist erklärungsbedürftig. Diese Erklärungen müssen alltagsnah und auf Augenhöhe sein. Bevor du Texte im Museum veröffentlichst, zeig´ sie deinen Freunden und frag´ sie, ob sie deine Texte verstehen.
Museen könnten sich auch ein bisschen mehr trauen. Aus meiner Sicht haben sie manchmal Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Ich denke: Meistens stehen vor euren Häusern Säulen, keine Sorge, die Leute nehmen euch ernst. Nehmt ihr euch mal nicht so ernst. In Kassel in der Gemäldegalerie zum Beispiel hängen viele alte Schinken – die hat ein Künstler mit Playmobil nachgebaut. Das klingt banal, aber du stehst vor diesen alten Bildern, vergleichst sie mit der Playmobilvariante und entdeckst plötzlich dank der nachgebauten Variante den Hund im Bild.
Am Samstag veranstaltest du in Schloss Gottorf eine Leseshow mit deinem Buch. Wer ist leichter zum Lachen zu bringen: das Bühnenpublikum oder die Besucher*innen von Führungen im Museum?
Auf jeden Fall das Bühnenpublikum. Die kommen meinetwegen und mit der Erwartungshaltung, dass es lustig wird. Aber für mich gibt es keinen schöneren Ort, als in Museen aufzutreten. Vor den Auftritten laufe ich immer in den Museen herum und schaue mir alles an. Ich war noch nie im Schloss Gottorf und freue mich sehr darauf, die Ausstellung dort kennenzulernen.
Vielen Dank, Jakob, und toi, toi, toi für die Leseshow am Samstag!

Jakob Schwerdtfeger: Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst.
München 2023: dtv
22 Euro, 192 Seiten
ISBN: 978-3-423-28375-5
Am 8. Juni tritt Jakob Schwerdtfeger im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf in Schleswig auf. Dort veranstaltet er eine Leseshow zu seinem Buch Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst. Tickets gibt es hier.
Weitere Kulturstätten in und bei Schleswig: Das Danewerk und die wikingerzeitliche Siedlung Haithabu und das Stadtmuseum Schleswig