Das ist schon eine ganz besondere Ausstellung, die in den Landesmuseen derzeit angeboten wird. Millionen von Blüten hat die englische Künstlerin Rebecca Louise Law gesammelt. In Bananenkisten umsichtig verpackt, wurde ihre Sammlung nach Schleswig-Holstein transportiert und von über 300 Ehrenamtlichen in sogenannten „Blomentüddelclubs“ sorgfältig zu filigranen und teils riesigen Gebilden kunstvoll zusammengefügt. Das alles wirkt bunt und luftig, die Größe, insbesondere des Hauptstückes in der Gottorfer Reithalle, erschlägt nicht, sondern berührt Besucherinnen und Besucher sehr sanft. Die Kunst erfüllt den Raum. Es gibt so viele Assoziationen. Die meisten drehen sich um die Bedeutung der Natur, die Begegnung zwischen Pflanzen und Menschen, die Frage nach der Vergänglichkeit und dem, was bleibt. Zwei große Bilder fangen Unmengen von Blütenstaub ein, „gedenke, dass Du Staub bist und zu Staub zurückkehrst“, heißt es in der christlichen Tradition zum Aschermittwoch.
Behutsamkeit gegen Schnelligkeit
Aus meiner Sicht durchzieht das gesamte Projekt noch eine ganz andere kulturelle Errungenschaft, die in unserer Zeit droht, komplett verloren zu gehen. Das ist die Entschleunigung. Millionen von Blüten zu sammeln, sie behutsam zu trocknen und aufzubewahren, sie durch den Zoll zu versenden, auszupacken und in monatelanger kleinteiliger Arbeit zu einem Kunstwerk zusammenzufügen (und, by the way, nach der Ausstellung wieder genauso behutsam abzubauen, auseinanderzunehmen, zu verpacken, durch den Zoll und so weiter…), also diese Arbeit erfordert jede Menge Zeit. Das ist ein Gut, das wir offensichtlich nicht mehr haben. Alles geht ganz schnell. Die eine Schlagzeile jagt die nächste. Reden wir heute noch vom Wal, dann morgen schon vom Tankrabatt. Ein Posting folgt auf das nächste, und – wo wir gerade vom Tankrabatt sprachen – die Geschwindigkeit auf den Autobahnen tragen wir weiterhin wie einen Fetisch vor uns her. Dabei tut uns diese ganze Beschleunigung nicht gut.
Immer aufgeregter, immer hysterischer
Die Gesellschaft wird aufgeregter, rüder, hysterischer. Mit Hartmut Rosa könnte man sagen, uns gehen die Weltbeziehungen verloren. Der Philosoph versteht unter „Weltbeziehungen“ die grundlegenden Weisen, wie Menschen sich zur Welt verhalten, sie wahrnehmen, erfahren und bearbeiten. Gemeint sind also nicht nur einzelne Kontakte oder Meinungen, sondern die gesamte Struktur des Verhältnisses zwischen dem Subjekt und der Welt. Diese Weltbeziehungen sind historisch und kulturell verschieden. Sie bestimmen, wie wir uns auf Dinge, Menschen, Natur, Arbeit, Politik oder Kunst beziehen.
Rosas Schlüsselbegriff dafür ist „Resonanz“. Darunter versteht er eine Beziehung, in der die Welt uns berührt und wir ihr zugleich antworten können, also nicht bloß kontrollieren oder konsumieren, sondern in einen wechselseitigen Bezug treten. Diese Weltbeziehungen sind ein Maßstab für gelingendes Leben. Wenn Beziehungen zur Welt nur funktional oder entfremdet sind, erleben wir eine Krise. Und wer sollte da widersprechen!
Beschleunigung ist für Hartmut Rosa ein wesentlicher Faktor auf dem Weg zur Krise der Weltbeziehungen. „State of Nature“ in den Landesmuseen ist ein Beitrag zur Zeit, auf jeden Fall, weil es um unser Verhältnis zur Natur geht. Aber nicht minder, weil es um Entschleunigung geht, um Zeit und Muße, um Ewigkeit und Vergänglichkeit. Gegen die krisenhafte Kultur setzt das Projekt schon in seiner Umsetzung und erst recht in der Präsentation ein Zeichen für eine Kultur der Weltbeziehung. Wie gesagt: Die Ausstellung in den Landesmuseen ist etwas Besonderes und sie lohnt einen Besuch. Entschleunigung können wir in unserer Zeit gut gebrauchen.