State of Nature: Vier Standorte und Millionen Trockenblumen

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Ein überwältigender Geruch nach Heu ist der erste Eindruck einer Ausstellung, deren größtes Werk seit Anfang April in der Reithalle am Schloss Gottorf in Schleswig zu sehen ist. „State of Nature“ heißt das Projekt der britischen Künstlerin Rebecca Louise Law. Es verteilt sich auf vier Standorte: Das Jahrhunderthaus im Freilichtmuseum Molfsee, das Jüdische Museum Rendsburg, das Globushaus und die Reithalle, beide am Schloss Gottorf in Schleswig. Allein in der Reithalle verwendete die Künstlerin rund eine Million getrockneter Blumen für eine Installation. Über 324 Freiwillige aus dem ganzen Land arbeiteten mit, um die Werke in Szene zu setzen.

Eine Ausstellung, die immer weiterwuchs

Rebecca Louise Law steht in im Untergeschoss des Globus-Hauses, einem kastigen Gebäude im Barockgarten hinter dem Schloss Gottorf. Jenseits der Decke über dem Kopf der Künstlerin befindet sich der Nachbau des gewaltigen Gottorfer Globus‘ aus dem 17. Jahrhundert, dessen Original heute in der Kunstkammer in St. Petersburg steht. Der Riesenglobus inspirierte Law zu dem Werk, das bis November 2026 in diesem Raum zu sehen sein wird. Die Installation besteht aus Tausenden von feinen, durchscheinenden Blättern, die an dünnen Metallfäden in der Luft schweben. Zart und zerbrechlich wirkt das Konstrukt. Es lässt an tanzende Feen, Schmetterlingsflügel oder einen Sternenhimmel denken.

Filigran wie tanzende Feen: Details der Installation „Honesty“ aus Lunaria-Blättern. Foto: Geißlinger

Tatsächlich war es das Bild vom Globus und dem Mond, das die Inspiration für das Werk lieferte, verrät Law, Jahrgang 1980, bei dem Pressegespräch. „Lunaria“ ist der botanische Name der Silberblätter, die englisch umgangssprachlich „Honesty“ genannt werden, Ehrlichkeit also. So lautet auch der Titel der Installation. Die sei im Lauf der Zeit immer größer geworden, berichtet Law. Am Ende wuchs sie sogar über den Raum, das Globus-Haus und Schleswig hinaus.

Denn aus einem ersten Termin im Herbst 2023, bei dem es nur um ein Werk im Globus-Haus ging, entstand in mehr als drei Jahren Arbeit die Ausstellung „State of Nature“ mit zwei Standorten in Schleswig sowie weiteren raumfüllenden Installationen in Rendsburg und Molfsee. Für Rebecca Louise Law ist es eine Zusammenfassung ihrer Arbeiten der vergangenen zwei Jahrzehnte. Für die Stiftung Landesmuseen, deren wichtiges Schloss Gottorf wegen einer mehrjährigen Sanierung geschlossen ist, bedeutet die Ausstellung die zentrale Schau 2026.

„Ein Berg Arbeit“ für Hunderte Freiwillige

Sie verbinde das Werk auch immer mit dem „Berg Arbeit“, der dahinter läge, sagt Law. Denn nicht sie allein, sondern einige Hunderte Menschen sind beteiligt. Die Lunaria etwa, die für „Honesty“ verwendet wurden, wuchs in Schleswig-Holstein. Die Pflanze dient auf Äckern oft als Zwischennutzung zwischen Fruchtpflanzen – auch dieser Aspekt der zeitlichen Begrenzung schwingt in dem Werk mit – aber sie braucht zwei Jahre, um zu wachsen. Danach müssen die Stängel getrocknet werden, bevor das feine Silberblatt von seiner grauen Hülle befreit wird.

Feierliche Einweihung: Kuratorin Sonja Nöckel, Museums-Leiter Thorsten Sadowsky und Künstlerin Rebecca Louise Law (v.l.). Foto: Esther Geißlinger

Diese Arbeit wie auch das Auffädeln der übrigen Pflanzen übernahmen Freiwillige, die sich zu „Bloomtüdelclubs“ zusammenschlossen. Die meisten Beteiligten seien per Mundpropaganda dazu gekommen, sagt Liva Gramlow, die für die Freiwilligen-Betreuung zuständig war. „Wir haben auf den Saat-Tütchen mit den Pflanzen für die Installationen geworben, und viele, die kamen, brachten gleich noch Freund:innen mit.“

324 Ehrenamtliche arbeiteten in Schleswig, Molfsee und Rendsburg in den Bloomtüdelclubs mit. Hinzu kamen weitere Beteiligte wie das Team des Barockgartens oder im Freilichtmuseum Molfsee, wo unter anderem Hafer wuchs. Denn so zart und einfarbig die Lunaria-Installation im Globus-Haus ist, so bunt geht es in den anderen Teilen der Ausstellung zu.

Installationen aus Getreide: Mensch und Natur

„The Field“ lautet der Titel der Installation im Jahrhundert-Haus in Molfsee. Sie besteht aus Hafer und Blumen und zieht sich vom höchsten Punkt unter dem Dachfirst durch das Foyer über den Treppenbereich bis in die zwei großen Sonderausstellungsräume des Gebäudes. Das Werk erinnert auch an die landwirtschaftliche Handarbeit früherer Jahrhunderte im Gegensatz zur heutigen Produktion mit Maschinen und Pestiziden.

„Grain“, Korn, hängt im Betsaal der ehemaligen Synagoge im Jüdischen Museum in Rendsburg. Die Installation aus Weizen- und Getreideähren im Gotteshaus lässt unwillkürlich Assoziationen zu christlichen Erntedankfeiern aufblitzen. Auch hier geht es um das Verhältnis von Mensch und Natur, vom Nutzen und Ausnutzen der natürlichen Ressourcen des Planeten.

Wie gemalt: Aus Trockenblumen setzte Rebecca Louise Law die Installation „Florilegia“ zusammen. Einige Pflanzen sind bereit 20 Jahre alt. Foto: Esther Geißlinger

Den Mittelpunkt aber bildet die Reithalle auf der Schleswiger Schlossinsel. Auch dort gibt es eine große Installation, doch eine Reihe anderer Arbeiten rahmen sie ein. An den Wänden hängen Arrangements aus Halmen, die wie gewebte Teppiche wirken. Die Pflanzen stammen überwiegend aus Wales, wo die Künstlerin mit ihrer Familie lebt. Der tägliche Umgang mit der Natur, das Beobachten und Teilnehmen an dem, was sich draußen abspielt, beschäftigt sie seit Langem.

Auch dass sie selbst auf dem Land aufwuchs, spiele wohl eine Rolle dabei, sagt sie im Pressegespräch. Ihre täglichen Eindrücke hält die Britin in Tagebüchern fest, die in Auszügen ebenfalls Teil der Ausstellung sind. Wie wichtig der Künstlerin Nachhaltigkeit und sorgsamer Umgang mit jeder Pflanze sind, zeigen Rahmen, die nur mit aufgefegten Resten der Arbeit gefüllt sind und ganz eigene Zufalls-Kunstwerke darstellen.

Eintreten in dreidimensionale Gemälde

40 Meter misst die Installation in der Reithalle. Sie besteht aus rund einer Million Trockenblumen. Foto: Geißlinger

Hinter einer Wand hängt die Installation „Florilegia“, deren Heu-Duft die Besucher:innen bereits am Eingang empfangen hat. Rund 40 Meter ist das Werk lang, das aus annährend einer Million getrockneter Blumen aus Rebecca Louise Laws persönlicher Sammlung bestehen. Einige der Blüten sind bereits 20 Jahre alt, sie waren bereits Teil anderer Installationen. Andere Pflanzen sind neu, aber ebenfalls mit einer Geschichte. So sind Gingo-Blätter aus einem Baum aus dem Elternhaus einer Mitarbeiterin eingearbeitet.

350 große Kartons hätten sich am Rand der Halle gestapelt, berichtet Sonja Nöckel, Kuratorin der Ausstellung. Anfangs habe sie sich gefragt, wie das Material jemals verbaut werden würde. „Aber als die Idee erst stand, leerten sich die Kartons fast in Sekundenschnelle.“

„State of Nature“: Die Pracht ist zerbrechlich

Neben dem Geruch überwältigt der Anblick der Blütenpracht. Trotz ihres Alters und im getrockneten Zustand leuchten die Pflanzen in Rot, Violett und Gelb. Darunter zu stehen, sei wie der Gang in ein dreidimensionales Stillleben, sagt Thorsten Sadowsky, Direktor der Stiftung Landesmuseen.

„Hier wird die Schönheit der Natur gefeiert.“

Doch diese Natur ist in Gefahr und zerbrechlich. „State of Nature“, wie der Titel der Ausstellung, heißt auch der jährliche Bericht der EU zur Lage der Umwelt und der Biodiversität. Und die ist nicht gut. Jährlich gehen Tier- und Pflanzensorten verloren, verschwinden Blumen aus den Feldern und Insekten aus den Wäldern. So ist Rebecca Louise Laws Werk auch eine Mahnung daran, was wir verlieren, wenn wir die Natur nicht achten.

Neugierige können alle vier Standorte mit einem besonderen „Law-Ticket“ besuchen. Es kostet 29 Euro und ist bis zum Ende der Ausstellungen am 1. November 2026 gültig. Möglich ist auch, erst einzelne Tickets zu kaufen und sie bis 29 Euro aufzurechnen.

Skulptur aus Blumen: Der Titel „Florilegia“ spielt auf den Gottorfer Codex an, ein vierbänder Pflanzenatlas aus dem Barock. Foto: Esther Geißlinger

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