Mohammad Rasoulof im Gespräch (Teil 2)

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Mohammad Rasoulof gehört aktuell zu den bedeutendsten Filmemachern des Iran. Seine Werke hinterfragen die systematische Unterdrückung und Gewalt des Regimes und haben ihm nicht nur weltweite Anerkennung, sondern auch Verfolgung und mehrmalige Haftstrafen in seinem Heimatland eingebracht. Nach einer riskanten Flucht aus dem Iran lebt er nun in Hamburg. Sein Film Die Saat des heiligen Feigenbaums ist für den Oscar als bester internationaler Film nominiert. Im zweiten Teil sprechen Mohammad Raslouof und Shima Kimia über die Geschichte der Iranischen Frauenbewegung, die Banalität des Bösen und die Kamera als Waffe.



Shima Kimia: In Ihren Filmen zeigen Sie immer wieder starke Frauenfiguren, die unter einem zutiefst frauenfeindlichen System leiden. Für mich war eine der einprägsamsten Szenen in Die Saat des heiligen Feigenbaums diejenige, in der eine Frau an ihren Haaren über den Boden gezogen wird. Am Ende wird ein Mann getötet und von Trümmern begraben. Welche Botschaft steckt in diesen Bildern?

Mohammad Rasoulof: Die Entstehungsgeschichte von Die Saat des Feigenbaums ist sehr besonders gewesen. Es begann als Familiendrama, entwickelte sich aber nach und nach weiter, und ich entschied mich, auch historische Elemente einzubauen, um die Tiefe der Erzählung zu erweitern. Tatsächlich projiziert man die Geschichte dieser Familie auf die Geschichte des Landes. Besonders wenn man sich mit der modernen Geschichte des Irans auseinandersetzt. 

Diese Szene, in der die Frau an ihren Haaren über den Boden gezogen wird – ich habe es damals [der Schauspielerin] Soheila Golestani gesagt, dass ich selbst davon tief erschüttert war. Ich habe oft gesehen, wie Frauen von der Sittenpolizei an ihren Haaren in Transporter gezerrt wurden.

Für mich ist das Bild sowohl zeitgenössisch als auch historisch, denn die Frauenfeindlichkeit im Iran ist nicht nur auf die Zeit der Islamischen Republik beschränkt. Sie ist ein kulturelles Phänomen. Es herrscht ein jahrhundertealter Kampf, der sich heute als Konflikt zwischen Tradition und Moderne zeigt. Die letzte Szene des Films verweist darauf: Trotz all dem, was im Film zu sehen ist, gibt es eine historische Kontinuität von Frauen, deren Stimmen weiterleben. Ihre Kämpfe dürfen nicht übersehen werden – sie sind das Fundament dieser Kultur. Trotz der gegenwärtigen Lage.

Filmstill aus Die Saat des heiligen Feigenbaums. v.l.n.r.: Rezvan (Mahsa Rostami), Najmeh (Soheila Golestani) und Sana (Setareh Maleki) © Films Boutique Alamode Film

Mit der Bewegung Frau, Leben, Freiheit nach der Ermordung von Jina (Mahsa) Amini hat der Kampf für Frauenrechte in Iran nun eine große Sichtbarkeit erlangt. In einem Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb Hamid Hosravi von der Universität Zürich, dass viele Männer inzwischen erkannt haben, dass ihre eigene Freiheit nur durch die Freiheit der Frauen möglich ist. Was halten Sie davon?

Die Frauenbewegung in Iran hat eine lange Geschichte. Man kann sie bis zu Tāhirih Qurrat al-ʿAin zurückverfolgen.

… so wurde die persische Dichterin und Religionsgelehrte Fatima Baraghani, genannt, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte. Sie gilt als Vorkämpferin der Frauenrechte im Iran …

So tief, wie das frauenfeindliche System im Iran verwurzelt ist, so tief reicht auch der Kampf der Frauen, sich aus dem Schatten der männlichen Machtausübung zu befreien. In jeder historischen Epoche hat diese Bewegung auf unterschiedliche Weise gewirkt. Manche Frauen konnten sich durch intellektuelle Ideen befreien, andere wurden daran gehindert. Viele haben dafür einen hohen Preis gezahlt. 

Ich denke, wir sehen gerade nur die sichtbare Spitze des Eisbergs dieser Bewegung. Sie ist viel tiefer verwurzelt und mächtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Und das Besondere an der iranischen Frauenbewegung ist, dass sie nicht auf feministische Forderungen beschränkt ist. Schauen Sie sich an, wie iranische Frauen jeden Dienstag in Gefängnissen gegen die Todesstrafe protestieren. Die Todesstrafe ist kein spezifisch feministisches Thema! 

Diese Bewegung ist eine Befreiungsbewegung auf der Grundlage der Menschenrechte. Und ich glaube, dass die Frauenbewegung im Iran nicht nur Frauen umfasst. Viele Männer sehen sich selbst als Teil dieser Bewegung – ich eingeschlossen. Ich bin überzeugt, dass jede Veränderung in Iran untrennbar mit der Frauenbewegung verbunden ist. Eine Transformation Irans ohne Berücksichtigung der Frauen ist unmöglich.

„Ich bin überzeugt, dass jede Veränderung im Iran untrennbar mit der Frauenbewegung verbunden ist. Eine Transformation Irans ohne Berücksichtigung der Frauen ist unmöglich.“

Was unterscheidet die heutige Generation von den Vorherigen? Warum scheint sie so viel mutiger?

Ich denke, dass auch das mit der Vernetzung der Welt zusammenhängt. Sicherlich wissen Sie, dass es im Iran viele Junge Menschen gibt, die Koreanisch sprechen. Das liegt an der großen Menge koreanischer Musik, die durch Animationsfilme und Cartoons verbreitet wird. Es gibt einen inoffiziellen Markt, über den Jugendliche Zugang dazu erhalten. Diese Verbindung zeigt sich auch in der Kleidung, die sie tragen, und in der Art und Weise, wie sie mit der Welt kommunizieren. 

Die Erwartungen der jungen Generation an das Leben unterscheiden sich stark von den Erwartungen, die vor zwanzig oder dreißig Jahren vorherrschten. Die Idee, das Land zu isolieren, hat an Bedeutung verloren. Es gab eine Zeit, in der das möglich war, aber heute ist es für die Machthaber nicht mehr so einfach.

In Die Saat des heiligen Feigenbaums betone ich diesen Punkt: Die ältere Generation hatte nur das staatliche Fernsehen als Informationsquelle, das die Realität verzerrt. Doch die neue Generation hat andere Wege, um die Wahrheit zu finden. Das staatliche Fernsehen hat für sie keinerlei Glaubwürdigkeit mehr. Während soziale Medien weltweit oft kritisch gesehen werden, sind sie im Iran ein Tor zur Wahrheit – ein Mittel, um zu recherchieren, zu suchen, zu hinterfragen. 

Was bedeutet das für das Regime?

Die Islamische Republik hat ihre Macht gegen die Vernetzung der Welt eingebüßt. In den 1980er Jahren konnte das Regime Tausende von Menschen töten, und es dauerte Monate, bis die Nachrichten darüber nach außen drangen. Bis heute wissen wir nicht genau, wie viele Menschen damals getötet wurden. Aber heute, sobald ein Gefangener inhaftiert wird, versuchen Menschen weltweit, die Informationen sofort zu verbreiten. 

Das bedeutet nicht, dass wir die Machthaber aufhalten können, aber es bedeutet, dass wir ihnen deutlich machen können, dass sie beobachtet werden. 

Die Kamera spielt dabei eine wichtige Rolle …

Einmal drangen Polizisten in mein Haus ein. Es waren sechzehn, siebzehn Leute, und einer von ihnen filmte einfach. Ich war völlig fasziniert von der Kamera in seiner Hand. 

Er filmte die Szene, um sie zu dokumentieren – als Beweis dafür, dass sie mich „unter Kontrolle“ hatten. Mir wurde in dem Moment bewusst, dass das, was er in der Hand hielt, dasselbe war, was ich in meiner Hand halte – aber wo liegt der Unterschied? 

Als ich 2022 aus dem Gefängnis kam, wurde mir klar, dass im Iran zwei gegensätzliche Gruppen – auf der einen Seite die herrschende Minderheit und auf der anderen Seite die Frauen, die für ihr Recht kämpfen – ihre Handys aufeinander richteten und sich gegenseitig filmten. Das zeigt, welche Bedeutung die vernetzte Welt hat und wie die Kamera unser Handeln zur öffentlichen Beurteilung stellt. 

Diese Erfahrung, die ich mit Kameras gemacht habe – sei es bei Verhören, sei es, wenn sie in mein Haus eindrangen, sei es im öffentlichen Raum, wo klar wird, wie Kameras genutzt werden – oder auch die Aufnahmen, die Demonstrierende in Abwesenheit von Journalist:innen von den gewaltsamen Repressionen gemacht haben, um sie für das historische Gedächtnis zu bewahren – all das hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass die Rolle der Kamera heute wichtiger ist als je zuvor.

Im Film verwenden Sie auch reale Handyvideos von Repressionen, die in den sozialen Medien hunderttausendfach geklickt wurden. Die Machthaber wissen, dass sie unter Beobachtung stehen. Warum gehen sie dennoch mit solch brutaler Gewalt gegen Frauen vor und zeigen trotz der massiven Proteste keine Flexibilität?

Das ist eine zentrale Frage. Heute, während wir sprechen, befindet sich die Islamische Republik in einer ihrer schwächsten Phasen. Ihre regionalen Einflüsse schwinden. Die Vernetzung hat eine neue Generation hervorgebracht, die sich nicht mehr isolieren lässt.

Doch Autokratien verlieren den Kontakt zur Realität. Ihre gesamte Struktur basiert darauf, dass auch die Bevölkerung von der Realität abgeschnitten wird – genau wie in Nordkorea, wo manche glauben, ihr Land habe die höchsten Gebäude der Welt. 

Ich erinnere mich an den Fall von Saddam Hussein im Irak: Als Bagdad fiel, stand sein Informationsminister Muhammad as-Sahhaf immer noch auf dem Flughafen und behauptete, alles sei unter Kontrolle, obwohl die US-Truppen bereits sichtbar im Hintergrund waren. Diktatoren sind oft tief in ihrer eigenen Realität gefangen – bis zu dem Moment, in dem ihr Regime plötzlich zusammenbricht.

Der Autor und Journalist Navid Kermani hat in seiner Dankesrede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises 2024 davon gesprochen, dass der Islamismus nach Faschismus und Kommunismus das dritte Projekt der Moderne sei, das den Himmel auf Erden errichten wollte. Und ebenso wie die ersten beiden stattdessen in die Hölle führte…

Jedes ideologische System, das menschliche Werte einer Ideologie oder einem bestimmten Denksystem unterordnet – sei es eine religiöse oder nicht-religiöse Ideologie, sei es rassistisch oder in einer anderen Form –, entwickelt letztlich gemeinsame Merkmale. Die Art von Unterdrückung ist sich sehr ähnlich – nur die Vorwände unterscheiden sich.

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Trailer zu Doch das Böse gibt es nicht – Berlinale-Gewinner 2020.

In einem Interview mit der Deutschen Welle haben Sie einmal beschrieben, wie Sie auf der Straße einen Beamten wiedererkannt haben, der Sie einige Zeit zuvor verhört hatte. Er war dabei, Besorgungen zu machen. Ihnen kam Hannah Ahrendt in den Sinn. Die Philosophin hat als Beobachterin des Prozesses gegen Adolf Eichmann, den Organisator des Holocaust, ihre Theorie von der „Banalität des Bösen“ entwickelt. Die Begegnung hat Sie zu einer Episode in Ihrem Film Doch das böse gibt es nicht inspiriert, die das banale Privatleben eines Henkers zeigt. Ich frage mich, wie wir diese Form des Bösen überwinden können.

Das ist eine wirklich gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich denke, man muss es versuchen.   

Ich glaube, dass Bewusstsein das Wichtigste ist – aber es ist schwer zu erlangen. Wirklich schwer. Ich weiß nicht, wie man es für alle Menschen auf der Welt erreichen kann. Aber ich kann meinen Teil dazu beitragen. Dadurch, dass ich in meinen Filmen Fragen stelle, aus meiner eigenen kulturellen Perspektive und basierend auf dem, was ich sehe. Doch Antworten darauf kann ich nicht unbedingt geben.

Heute sehen wir einen Anstieg populistischer und rechtsextremer Tendenzen in Deutschland und in anderen Demokratien. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen?

Ich denke, die Arbeit an der Demokratie hört niemals auf. Es gibt immer Bedrohungen. Dass verschiedene Meinungen auf der politischen Bühne Gehör finden, ist an sich bemerkenswert. Es ist eine Wahl. Wenn eine Gesellschaft sich kollektiv dazu entscheidet, eine bestimmte Erfahrung zu machen, kann sie niemand aufhalten – auch wenn es kostspielig ist und viel Schaden anrichten kann. 

Das zeigt die Geschichte: Man kann weder die Massen in ihrer Begeisterung aufhalten noch ihre Entscheidungen bei Wahlen verhindern. Die Massen bekommen letztlich das, was sie wollen. Daher überrascht es mich nicht, dass wir heute solche Phänomene beobachten – und in einigen Jahren könnten andere Entwicklungen folgen. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Die Arbeit an der Demokratie ist nie abgeschlossen. Sie erfordert ständige Wachsamkeit und kontinuierlichen Schutz.

Wissen Sie, wohin Ihr Weg von hier aus führt? 

Ja, ich habe derzeit mehrere Projekte aus den letzten Jahren, zwischen denen ich wählen muss. Sie alle beschäftigen sich mit sozialen Themen aus dem Iran. Ich kann nicht arbeiten, ohne mich mit meiner Vergangenheit und meiner Kultur auseinanderzusetzen. Vielleicht wird es auch immer so bleiben. Aber das bedeutet nicht, dass sich alles ausschließlich um den Iran drehen muss. In einer dieser Geschichten ist es mir sogar gelungen, ein Thema zu finden, das genauso universell wie spezifisch iranisch ist. 

Ich bin gespannt! Welche Botschaft haben Sie für junge Künstler:innen, die in repressiven Gesellschaften für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen?

Sie sollen sich selbst treu bleiben. Ich denke, das ist das Wichtigste.

Und was würden Sie Ihrem jüngeren Ich raten?

Kūšēš-e bīhūde be az ḫeftagī – Vergebliche Mühe ist besser als Untätigkeit.

Lieber Herr Rasoulof, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Gespräch wurde auf Farsi geführt. Übersetzung: Shima Kimia. In Kürze finden Sie hier den Link zur Original-Version.

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