Judentum und Popkultur? Da knirscht das Klischee. Denn bei jüdischer Kultur würden viele vermutlich an Klezmer-Musik und Woody Allen denken, sagt Thorsten Sadowsky, Direktor der Stiftung Landesmuseen. Nicht aber an Songs, Comics, Serien und Social-Media. Wie breit die jüdische Popkultur in Wahrheit aufgestellt ist und welche Ideen Jugendliche dazu entwickeln, darum ging es bei einer Veranstaltung im Jüdischen Museum Rendsburg. Die Leo-Trepp-Stiftung übergab hier Preise an Schüler:innen, die Projekte rund um jüdische Popkultur eingereicht hatten.
Heutiges jüdisches Leben bleibt fast unsichtbar

„Es herrscht ein Widerspruch zwischen der Unsichtbarkeit des realen jüdischen Lebens in Deutschland und dem starken Augenmerk auf die in der Shoah Ermordeten“, sagte Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland. Er war nach Rendsburg gereist, um einen der Preise zu überreichen. Dieser Blick der Mehrheitsgesellschaft auf die Toten, nicht auf die Lebenden, begegne ihm oft bei seiner Arbeit. Um so wichtiger sei es, sich einem Thema zuzuwenden, mit dem alle etwas anfangen könnten. „Und was ist normaler als Popkultur?“ Diese Normalität helfe dabei, Vorurteile abzubauen und „was man kennt, will man nicht angreifen“. Er lobte die Projekte, die Schüler:innen aus ganz Deutschland eingereicht hatten, weil darin jüdische Menschen selbst zu Wort kämen.
„Wissen gegen die TikTok-Hetze“
Die Leo-Trepp-Stiftung wurde 2019 gegründet. Sie ist benannt nach dem Rabbiner und Religionsgelehrten Leo Trepp (1913-2010). Er war in der NS-Zeit in der Region Oldenburg in der dortigen Jüdischen Landesgemeinde tätig, wo er eine Schule für jüdische Kinder gründete. 1936, nach der Pogromnacht, wurde er ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Doch er und seine Frau besaßen bereits Visa für die Ausreise. Unter der Auflage, Deutschland zu verlassen, kam Trepp frei. Zurück in Oldenburg organisiert er Kindertransporte, mit denen zahlreiche jüdische Kinder gerettet wurden. Nach dem Krieg kehrte der Rabbiner nach Deutschland zurück und setzte sich für Verständigung ein. Er wollte, dass die Deutschen das Judentum besser kennenlernen, um ihren alten Antisemitismus zu überwinden.
Doch Gunda Trepp, Vorständin der Stiftung, stellt heute eine Wiederkehr des offenen Antisemitismus fest. „Die Zeit nach dem Angriff der Hamas auf Israel war eine Tortur“, sagte sie bei der Preisverleihung. „Juden wurden zu Freiwild, zum Ziel von Beleidigungen und Angriffen.“ Mit dem Schüler:innen-Preis will die Stiftung dafür werben, sich mit dem heutigen jüdischen Leben zu befassen und damit ein Gegengewicht zu Hass und Hetze bieten. Die sieht Trepp vor allem auf den Social-Media-Plattformen. „Auch die Lehrkräfte brauchen Wissen, um den Behauptungen der TikTok-Propaganda entgegentreten zu können“, sagte sie. Als Beispiel nannte sie den Begriff „Auge um Auge“ aus dem Alten Testament und der Thora. Das werde als Aufruf zur Rache verstanden, doch tatsächlich bauten die jüdischen Rechtsgelehrten daraus ein Konzept für Schadensersatz auf.
Schon gewusst? Supermann ist Jude

Die heutige Mainstream-Popkultur hat zahlreiche jüdische Wurzeln. Jüdische Autoren und Kreative prägten zum Beispiel das Comic-Genre. Bekannte Namen sind Jerry Siegel und Joe Shuster, Bob Kane, der eigentlich Robert Kahn heißt, Bill Finger, Joe Simon, Jack Kirby, Stan Lee und Will Eisner. Auch hinter einem der ersten Superhelden, nämlich Supermann, stehen die Juden Jerry Siegel und Joe Shuster. Dass „Supie“ als Baby den Planeten Krypton verlässt, gilt als Bild für die Flucht jüdischer Menschen vor der NS-Vernichtungsmaschine. Zu Supermanns jüdischer Herkunft passe sein Name, meint die „Jüdische Allgemeine“: „Clark Kent! Das klingt dermaßen protestantisch-weiß-angelsächsisch, dass sich eigentlich nur ein Jude für ein solches Pseudonym entscheiden kann.“ Supermans wirklicher Name ist Kal-El. Das klinge nicht nur hebräisch, sondern sei es auch. „,El‘ heißt Gott, ,Kal‘ klingt wie ,Kol‘, was Stimme bedeutet. Superman wäre demnach die Stimme des Göttlichen.“
Preisgekrönt: ein Spiel, ein „Kreativkoffer“, ein Musical
Die Schüler:innen, die sich im Rahmen des Leo-Trepp-Preises mit jüdischer Popkultur befassten, fanden ganz eigene Wege, sich dem Thema zu nähern. Die ersten Preise gingen nach Nauen ans Leonardo da Vinci-Gymnasium. Den Hauptpreis erhielt eine Gruppe für das Spiel „Jüdische Kulturreise“, das das Leben von Leonard Cohen beschreibt. Andere Schüler:innen befassten sich mit dem Komponisten, Dirigenten und Pianisten Erich Wolfgang Korngold. Er wurde 1897 in Österreich geboren wurde und starb 1957 in den USA. Unter anderem schrieb er Filmmusik und erhielt 1938 einen Oscar für „Robin Hood – König der Vagabunden“. Der dritte Preis ging an Schüler:innen in Niedersachsen für einen Podcast und ein Musical über das Leben als junge Jüdin heute in Deutschland. Insgesamt hatten sich 32 Projekte und Gruppen beworben. Die Stiftung vergab den Preis zum dritten Mal.