„Superjuden“ nennen sich die Fans des Fußballclubs Ajax Amsterdam. „Superjuden“ lautet auch der Titel einer Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg, die sich mit jüdischen Spuren und Einflüssen im Fußball befasst. Ein besonderer Blick gilt den Nord-Clubs.

Jüdische Vereine wie Ajax Amsterdam und Bayern München
Eine Kippa mit dem schwarz-weißen Muster eines Fußballs liegt am Eingang zur Ausstellung, wie eine kleine Erinnerung daran, dass Fußball für einige Menschen quasi eine religiöse Bedeutung hat. Von solchen begeisterten Fans und ihren Vereinen handelt die Ausstellung, die einen Blick auf Judentum und Fußball wirft.
Entwickelt wurde sie im Jüdischen Museum Wien. „Die Idee war, die Geschichte der Vereine nachzuzeichnen, die als ,jüdisch‘ galten“, erklärte Jonas Kuhn, Direktor des Jüdischen Museums Rendsburg, bei der Eröffnung. Teilweise stammt das Attribut daher, dass die Vereine in einem Viertel mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil beheimatet waren. Dazu zählen neben Ajax Amsterdam der Tottenham Hotspur FC, der in Haringey in Nordlondon liegt. Andere Vereine gelten als „jüdisch“ wegen ihrer prägenden Persönlichkeiten.

Beim FC Bayern München war der Präsident Kurt Landauer so eine Persönlichkeit. Gleich viermal bekleidete er das Amt des Präsidenten, bis er 1933 als Jude diskriminiert wurde. Nach dem Ende der NS-Zeit kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm erneut das Präsidentenamt. Dennoch dauerte es nach seinem Tod 1961 noch viele Jahrzehnte, bis er einen festen Platz in der Vereinsgeschichte bekam, heißt es in der Pressemitteilung zur Ausstellung. Es waren Fans, die dafür sorgten, dass der ehemalige Präsident wieder zu Ehren kam: 2009 rollten die Münchner Ultras in der Südkurve ein 80 Meter langes Transparent mit Landauers Konterfei aus. Vier Jahre später berief der Verein posthum Landauer zum Ehrenpräsidenten.
Jüdische Geschichte beginnt und endet nicht mit Holocaust
Solche Geschichten verweisen darauf, dass die jüdische Geschichte nicht mit dem Holocaust beginnt und endet, sondern dass sie weit in die Vergangenheit und bis in die Gegenwart reicht. So nennen sich die Ultras aus Tottenham bis heute „Yid Army“, ihre Schals sind mit dem Davidstern geschmückt. Dabei dürfte der Anteil von Jüd:innen unter ihnen begrenzt sein, ebenso wie unter den „Superjoden“ in Amsterdam. Der niederländische Journalist Hans Knoop drückt es überspitzt so aus: „90 Prozent der Ajax-Fans wissen gar nicht, wo Israel liegt. Wenn sie ,Juden! Juden!‘ oder ,Superjuden‘ rufen, geht es ihnen darum, ihr Team anzufeuern – um nichts anderes“, heißt es in einem Zitat, das in der Ausstellung hängt.

Den großen Clubs in Norddeutschland, Werder Bremen, HSV und St. Pauli in Hamburg und Holstein Kiel, fehlt das Attribut „jüdisch“. Dennoch gab es in allen Vereinen jüdische Spieler. Darunter war Walter Wächter, der in den 1920er Jahren beim HSV antrat. Doch schon vor 1933 wurde er aus dem Verein gedrängt. Keine Ausnahme: Nicht nur dort, auch in Bremen oder Kiel, versuchten die Clubs, ihre jüdischen Mitglieder zu vertreiben, um dem Zeitgeist zu entsprechen.
Wächter wechselte zum Freien Turn- und Sportverein „Fichte“ in Hamburg-Eimsbüttel, bis der 1933 verboten wurde, dann zum Jüdischen Turn- und Sportverein Bar Kochba. 1935 wurde der junge Hamburger als Antifaschist verhaftet, 1938 gelang ihm die Flucht nach Schweden, wo er Karriere als Psychologe und Hochschulprofessor machte. Erst nach seinem Tod fand sein Sohn Torkel S Wächter, ein schwedisch-deutscher Schriftsteller, Briefe, die der Vater im KZ Fuhlsbüttel geschrieben hatte. „Der Sohn ist mit dem Hass des Vaters auf Deutschland aufgewachsen, ohne zu wissen, woher diese Wut kommt“, sagt André Fischer, Fanbeauftragter des HSV, der beim Auftakt der Ausstellung dabei war. Der Verein hat seine NS-Vergangenheit aufgearbeitet. Für die „Superjuden“ spendierte der HSV Fotos und Dokumente aus der Vereinsgeschichte.
Gruß des Bremer Vereinspräsidenten
Bei allen vier hochklassigen Nordclubs sei die Bereitschaft groß gewesen, Material zur Verfügung zu stellen, berichtet Museumsdirektor Jonas Kuhn. So schrieb der Präsident des SV Werder Bremen, Hubertus Hess-Grunewald, eine Grußbotschaft nach Rendsburg: „Das Sichtbarmachen jüdischen Identitäten im Sport – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – ist ein großes Anliegen, wir freuen uns, ein Teil der Ausstellung zu sein.“

Der SV Werder steuerte unter anderem ein Foto des Bremer Kaders im Jahr 1934 bei, auf dem die Spieler vor dem Anpfiff den Hitlergruß zeigen. Daneben geht es um eine ganz aktuelle Geschichte: Der junge israelische Fußballfan Hersh Goldberg-Polin war mit Fans aus Bremen befreundet. Am 7. Oktober 2023 entführte ihn die Hamas, und in der Folgezeit zeigte das Publikum im Werder-Stadium immer wieder Flagge, etwa mit einem „Let Hersch free!“-Banner. Inzwischen ist bekannt dass Polin tot ist. Die Bremer Fans erinnern mit einer Fahne an ihn: „Rest in Peace, Hersh!“
„Wir hoffen, dass das Thema Fußball auch die Menschen zu uns bringt, die sonst vielleicht nicht in ein Museum gehen würden“, sagt Jonas Kuhn. Das ist beinahe zu tief gestapelt: Das Jüdische Museum in Rendsburg schafft es immer wieder, auf begrenzten Raum – die Sonderausstellung findet sich in einem Nebengebäude hinter der früheren Synagoge – viel unterzubringen und den Blick auf Aspekte zu richten, die selten den Weg in ein Museum finden. Gerade für einen Ort, den viele Kinder und Jugendliche besuchen, ist es sinnvoll, auf alltagstaugliche und lebensnahe Themen zu setzen. Und was könnte einen besseren Anlass für einen Museumsbesuch bieten als Fußball?
Die Ausstellung ist noch bis Anfang Februar 2026 in Rendsburg zu sehen.