Aus einer behüteten Kindheit in München nach Bolivien und als Erwachsener zurück in die Heimat Deutschland: Der heutige Brokdorfer und Krimi-Autor Manfred Eisner schildert in „Verhasst-geliebtes Deutschland“ sein Leben und die Geschichte seiner deutsch-jüdischen Familie.
Ein Samstagskind, geboren zu Unzeiten
An einem Samstag kam Manfred Eisner zur Welt – über das „Schabbeskind“ freuten sich seine jüdischen Eltern so, wie christliche Familien ein Sonntagskind als glückliches Zeichen ansehen. Aber die Zeiten, in denen der Kleine das Licht der Welt erblickte, waren alles andere als glücksverheißend. Es war das Jahr 1935, in Deutschland regierte die NSDAP, und in München, wo die Familie lebte, fiel es dem Vater und Künstler Erich immer schwerer, Engagements zu finden. Der junge Mann, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet und musikalisch hoch begabt, war Dirigent und Komponist. Nur stand ein „J“ für Jude in seinem Pass, und das bedeutete Berufsverbot.
Dennoch erlebte Manfred einige frohe Jahre in seinem großbürgerlichen Elternhaus. Die Großeltern mütterlicherseits besaßen ein Schuhgeschäft, das ganz modern über einen Katalog verkaufte. Die Mutter war dort vor der Heirat als Geschäftsführerin einer Filiale tätig gewesen, sogar einen Führerschein hatte sie gemacht, höchst ungewöhnlich für eine junge Frau der damaligen Zeit. Manfred Eisner lässt diese Geschichte lebendig werden, zahlreiche Bilder helfen heutigen Lesenden, einen Eindruck jener Epoche vor dem Krieg zu erhalten.

Doch die Lage wird immer schwieriger. Nach den Zerstörungen in der Reichspogromnacht kam Erich Eisner, der sich im Jüdischen Kulturbund engagierte, ins KZ Dachau. Ein guter Freund der Familie, der Mitglied der NSDAP war, aber die Judenverfolgung ablehnte, setzte sich für ihn ein. Eisner kam frei und durfte aus dem Deutschen Reich ausreisen, die Familie folgte später auf abenteuerlichen Weg nach Bolivien.
Exotische Welt jenseits des Ozeans
Bolivien zählt damals zu den wenigen Ländern weltweit, die verfolgte Jüd:innen aufnahmen. Die Gründe schildert Gert Eisenbürger, Redakteur beim Lateinamerika-Magazin „ila“, im Vorwort des Buches, das im Verlag Hentrich und Hentrich erschienen ist. Bolivien, kein klassisches Einwanderungsland, hoffte auf Menschen, die landwirtschaftlich tätig werden wollten. Und es gab sogar latent rassistische Gründe, vermutet Eisenbürger: „Die weißen Eliten, die die Indigenen als minderwertig betrachteten, versprachen sich von der Förderung europäischer Migration eine ›Aufhellung‹ der Bevölkerung.“
Aber Landwirtschaft betrieben die wenigsten der gutbürgerlichen Neuankömmlinge. Auch die Familie Eisner musste sich in dem fernen Land zurechtfinden. Manfred Eisner berichtet von Fahrten durch das Hochland der Anden, von Pferderitten und bunten Märkten. Seine Eltern fanden rasch Anschluss an die gebildeten Kreise der größeren Städte, nach einigen Jahren steht der Vater endlich wieder am Dirigentenpult.
Rückkehr nach Deutschland – mit Misstrauen
Nach dem Tod des Vaters zog es die Mutter zurück nach Europa. Manfred Eisner folgte – er hatte gerade eine Arbeitsstelle verloren, Deutschland schien ihm nun, zwölf Jahre nach Kriegsende, wieder eine Option. Dennoch betrat er „mit sehr gemischten Gefühlen“ wieder deutschen Boden, heißt es in seinem Buch. „Heimatgefühle empfand ich damals keine, eher eine Abneigung und Argwohn, begleitet von großer Unsicherheit. Besonders misstrauisch war ich gegenüber vielen älteren Deutschen, denen ich begegnete.“
Gewusst oder mitbekommen habe angeblich niemand etwas von der Judenverfolgung, und Gespräche über das Thema wollte niemand führen. Er sei schließlich müde geworden zu fragen, erinnert sich Eisner und freut sich über die „Gnade der späten Geburt“: Anders als seine Eltern war er während der NS-Zeit zu klein, als dass er die Gefahr bewusst begriffen hatte. Auch viele seiner Familienmitglieder, die der Shoah zum Opfer fielen, hatte er kaum gekannt.
Karriere mit Konservendosen
In Berlin begann Manfred Eisner ein Studium als Lebensmitteltechniker. Auch die deutsche Staatsbürgerschaft bekam er zurück, nachdem er anfangs alle Weile sein Visum hatte verlängern müssen. Er arbeitete in mehreren Fabriken, die Konserven herstellten, dann fing er einem Hamburg Unternehmen an, das den von der Firma Stock in Neumünster erfundenen „Rotomaten“ vertrieb, ein Gerät, das Dosen und Gläser erhitzte und so sterilisierte. Das damals neue Verfahren faszinierte Eisner, der im Vertrieb anfing und bald europaweit unterwegs war. Später schrieb er sogar ein Fachbuch über das Verfahren und das Gerät.
In den 1970er Jahren wechselte Eisner, der inzwischen verheiratet war, nach Neumünster. In seiner letzten beruflichen Etappe bis 2009 war er freiberuflich als Industrieberater und Sachverständiger tätig.
Spätberufener Autor

Als Rentner entdeckte Eisner, der seit 1981 mit seiner zweiten Ehefrau Anke in einer denkmalgeschützten Kate am Elbdeich in Schleswig-Holstein wohnt, die Schriftstellerei. Inzwischen hat er mehr als ein Dutzend Kriminalromane über die LKA-Ermittlerin Nili Masal verfasst. Die Fälle spielen alle in Schleswig-Holstein. Es geht um Drogenschmuggel und Steuerhinterziehung, und in einem der Bände steht ein geplanter Anschlag auf ein israelisches Orchester beim Schleswig-Holstein Musikfestival im Mittelpunkt. Für den Krimi „Das große Notzeichen“, der im Freimaurer-Milieu spielt, arbeitete Eisner mit dem Brunsbütteler Künstler Jens Rusch zusammen.
Eisners Erstlingswerk aber war eine Roman-Trilogie. Sie beschreibt die Geschichte einer Familie von der Weimarer Republik bis zur NS-Zeit und eine Flucht nach Bolivien. Diese fiktive Geschichte hat er nun in „Verhasst-geliebtes Deutschland“ noch einmal im Original geschildert.
Erschienen ist das Buch im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig, es hat rund 260 Seiten.
ISBN 978-3-95565-644-7.