Danke – und tschüss: So empfinden Kulturschaffende im Hamburger Stadtteil Harburg einen Brief des Vorsitzenden der örtlichen Bezirksversammlung. Das Schreiben wendet sich an Vereine und andere Gruppen, die in den vergangenen Jahren Fördermittel für ihre Projekte erhalten haben.
Nach dem „Danke“ folgt das „Aber“
„Wir möchten uns herzlich für Ihr Engagement und Ihren Beitrag zur positiven Entwicklung unseres Bezirks bedanken“, heißt es in dem Schreiben der Bezirksversammlung Harburg. Dann folgt das Aber. „Bitte stellen Sie sich darauf ein, dass eine weitere Förderung für laufende Projekte nicht zugesichert werden kann.“ SuedKultur, ein Netzwerk von Kulturschaffenden im Hamburger Süden, verurteilt die Sparpläne.
„Wird die Kulturentwicklung beerdigt?“ So lautet die Überschrift einer Mitteilung von SuedKultur. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss lokaler Kultur-Akteuer:innen, der bereits seit 2007 im Stadtteil Harburg aktiv ist. SuedKultur veröffentlicht das Online-Feuilleton „Tiefgang“ und einen Kalender für kulturelle Veranstaltungen. Ein ähnliches Angebot macht kulturkanal.sh für Schleswig-Holstein mit dem Kulturkalender.sh. SuedKultur will die Kulturschaffenden im Stadtteil vernetzen und sie sichtbarer machen, heißt es auf der Homepage.

Bezirk will neue Projekte fördern
Nun sehen die Aktiven um Sprecher Jan Schröder die bereits bestehenden Angebote in Gefahr. Fällt künftig die Förderung für bereits länger bestehende Veranstaltungen weg, seien Projekte wie „Sommer im Park“, das „Hafenfest“ oder die von SuedKultur veranstalteten Literaturtage bedroht, heißt es in der Mitteilung. Für Harburg haben solche Veranstaltungen eine ähnliche Bedeutung wie für Schleswig-Holstein die Eutiner Festspiele, deren Weiterbestehen ebenfalls in Gefahr ist.
Doch Holger Böhm, Vorsitzender der Bezirksversammlung Harburg, hat ein Geld-Problem. In den vergangenen Jahren erreichen der Bezirk immer mehr Anträge auf Förderung, steht in dem Schreiben, das die Vereine erhalten haben. Der Bezirk wolle weiterhin „möglichst vielen Initiativen und neuen Projekten eine Chance auf Unterstützung geben“. Daher „bitten wir um Verständnis, dass für Träger oder Einrichtungen, die bereits mehrfach und über mehrere Jahre hinweg für denselben Zweck gefördert wurden, künftig keine oder nur noch eingeschränkte Fördermöglichkeiten bestehen“, schreibt Böhm im Namen der Bezirksversammlung. Er verweist auf die Förderrichtlinien der Hansestadt.
Ziel ist eine vielfältige Kulturszene
Die Hansestadt Hamburg hat eine „Globalrichtlinie Stadtteilkultur“ erlassen, die aktuelle Fassung gilt von 2024 bis 2028. Für die Umsetzung sind die Bezirksämter der einzelnen Stadtteile zuständig. Die Stadt will eine vielfältige Kulturszene, die allen Menschen Angebote macht – jungen wie alten, mit und ohne Behinderung, mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Weitere Ziele sind gesellschaftlicher Zusammenhalt und mehr demokratischer Diskurs. Auch Stichworte wie Ökologie und Nachhaltigkeit stehen in der Richtlinie – ähnliche Ziele hat auch Schleswig-Holsteins Regierung aus CDU und Grünen formuliert.
Aber welche Projekte und Ideen fördert die Stadt? Darüber streiten sich Kulturschaffende und das Bezirksamt in Harburg zurzeit. Das Schreiben des Bezirksamts weist darauf hin, dass die „Förderung durch die Bezirksversammlung gemäß der geltenden Förderrichtlinie grundsätzlich als Anschubfinanzierung konzipiert“ sei. SuedKultur-Sprecher Jan Schröder widerspricht: Die Förderrichtlinie, die den Institutionen bekannt sei, sage nichts von einer reinen „Anschubfinanzierung“.

Was sagt die Förderrichtlinie?
Tatsächlich fehlt in der „Globalrichtlinie Stadtteilkultur“ das Wort „Anschubfinanzierung“. Dennoch ist der Hinweis des Vorsitzenden der Bezirksversammlung nicht ganz unberechtigt. Drei unterschiedliche Förderungen sieht die Richtlinie vor. Geld gibt es für Stadtteilzentren, Geschichtswerkstätten und einzelne Projekte bestehender Vereine und Institutionen.
Bei Stadtteilzentren und Geschichtswerkstätten ist von „institutioneller Förderung“ die Rede. Damit kann Geld in die fortlaufende Arbeit fließen, also in Raummieten oder Personalkosten. Beim dritten Punkt, „Projekte der Stadtkultur“, fehlt das Wörtchen „institutionell“. Das könnte sich so interpretieren lassen, dass tatsächlich nur so lange gefördert wird, bis ein Angebot auf eigenen Füßen stehen kann. Allerdings findet sich auch der Satz, dass auch „Projekte und Produktionen, die längerfristig angelegt sind“, förderfähig sind.
Es bleibt also Spielraum, wie die Richtlinie zu verstehen ist. Die Aktiven bei SuedKultur hoffen auf ein Einsehen der Bezirksversammlung Harburg, damit bereits bestehende Veranstaltungen auch in diesem Jahr über die Bühne gehen können.