Die Website der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG) feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Was am 15. Februar 2001 begann, hat sich zu einer der wichtigsten digitalen Anlaufstellen für die Historie des Landes entwickelt.
Der Schritt ins Internet wurde im Vorstand der GSHG vor einem Vierteljahrhundert ausgiebig diskutiert. Man wollte keine bloße „Wir-über-uns-Seite“ erstellen, sondern echtes historisches Fachwissen anschaulich, verständlich und vor allem wissenschaftlich lektoriert einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Startschuss fiel mit einem überschaubaren Grundstock: Die Rubrik „Schleswig-Holstein von A bis Z“ präsentierte zum Auftakt 51 fundierte Artikel. Heute, 25 Jahre später, ist das Angebot auf beeindruckende 450 Stichworte und Artikel angewachsen. Dieser Anspruch hat sich ausgezahlt: Die Seite beantwortet täglich rund 500 Anfragen zur Landesgeschichte.

Hinter dem Erfolg steht eine engagierte, ehrenamtliche Crew. Webmaster Björn Hansen ist seit dem ersten Tag dabei. Redaktionell wir die Seite betreut von Werner Junge, Ortwin Pelc und Maike Manske, allesamt Mitglieder im Vorstand der GSHG. Insgesamt haben über die Jahre 94 Autorinnen und Autoren – das „Who is Who“ der regionalen Geschichtsforschung – an den Texten mitgewirkt. Nach mehreren Relaunches (2015 und 2021) präsentiert sich das Online-Lexikon heute moderner und übersichtlicher denn je. Einzelne „Zeitreisen“ bündeln die Stichworte im „Schleswig-Holstein von A bis Z“ chronologisch in sechs Etappen vom frühesten Nachweis von Menschen in der Region bis in die Gegenwart. Die internen Verweise zwischen den Artikeln lassen interessierte Besucher:innen auch ihre eigenen Streifzüge durch die Geschichte Schleswig-Holsteins unternehmen und mitunter kuriose Verbindungen und Wechselwirkungen entdecken.
Streifzug durch das digitale A bis Z
Ein Beispiel: Starten wir mit dem Thema „Industrialisierung“. Wie der gleichnamige Artikel beschreibt, erreichte diese das landwirtschaftlich geprägte Land zwar spät, wirkte dann aber als massiver Katalysator. Die Industrialisierung war der Motor für das „mächtigste Verkehrsmittel“ des 19. Jahrhunderts: die „Eisenbahn“. Mit der Eröffnung der Strecke Altona-Kiel im Jahr 1844 begann eine Verkehrsrevolution, die den Transport von Menschen und Waren in bis dahin unvorstellbare Dimensionen steigerte.

Diese technische Neuerung der „Eisenbahn“ hatte unmittelbare, teils paradoxe Auswirkungen auf andere Lebensbereiche, wie den Artikeln „Pferde“ und „Torf“ zu entnehmen ist:
Der „Hafermotor“ und die Schiene
Obwohl die Eisenbahn oft als Ende der Pferdekraft missverstanden wird, belegt der Artikel „Pferde“, dass das Gegenteil der Fall war. Die Bahn brachte zwar Massengüter ins Land, doch um diese vom Bahnhof zu den Menschen in die Dörfer und Städte zu verteilen, bedurfte es mehr Pferde als je zuvor. So stieg der Bestand an Pferden parallel zum Bahnausbau bis 1900 um das Anderthalbfache an.
Kohle verdrängt den Torf
Gleichzeitig bedeutete die Eisenbahn das wirtschaftliche Ende für den Torf als wichtigsten Brennstoff im Norden. Mit der Eisenbahn kam nun energiereiche englische Steinkohle billig ins Land, wodurch der Torf als Brennstoff nicht mehr konkurrenzfähig war. Man fand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine neue, hygienische Verwendung für ihn. In den rasant wachsenden Städten der Industrialisierung wurde er als saugfähiges Bindemittel für menschliche Fäkalien in den Sammelbehältern städtischer Latrinen genutzt. Diese im Volksmund „Goldeimer“ genannten Torfkübel waren Teil eines erbitterten Streits um die richtige Entsorgung städtischer Abfälle, den der Artikel „Kanalisation“ beleuchtet.
Goldeimer oder Schwemmkanalisation?
Die Gegner der damals neuen „Schwemmkanalisation“ – also des Wegspülens von Fäkalien mit Wasser – verfochten das System der „Goldeimer“. Ihr Argument war ökologisch und ökonomisch: Sie wollten die Abfallstoffe als wertvollen Dünger für die Landwirtschaft erhalten. Tatsächlich wurde dieser „städtische Abfall“ im Umland großer Städte intensiv genutzt. Die Modernisierer jedoch setzten sich schließlich durch. Ihr Ziel war es, Schmutzstoffe nach der Devise „aus den Augen, aus dem Sinn“ möglichst schnell aus dem Weichbild der Städte zu entfernen. Mit dem Bau der ersten Vollkanalisationen, wie sie in Kiel in den 1880er Jahren begannen, endete die Ära der „Goldeimer“ und damit auch die gewerbliche Nutzung des Torfs für die Abwasserreinigung.
Ein lebendiges Archiv für die Zukunft
Das A bis Z bildet also kein loses Archiv, sondern ein lebendiges Wissensnetz, das die Landesgeschichte in ihren unterschiedlichen Dimensionen und Abhängigkeiten greifbar macht.
Dabei ist auch die Website kein statisches Gebilde. Die Redaktion betont, dass sie ständig an Korrekturen, Ergänzungen und neuen Themen arbeitet. Wer einen Fehler entdeckt oder ein Thema vermisst, ist aufgerufen, sich einzubringen. Neben dem Lexikon bietet die Seite digitale Downloads von Publikationen, eine verlinkte Zeitleiste und aktuelle Informationen zu Veranstaltungen.
Die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte selbst blickt auf eine deutlich längere Tradition zurück als ihre Website. Sie wurde bereits 1833 in Kiel gegründet. Damals suchten Gelehrte wie Nikolaus Falck nach dem Ende der Napoleonischen Kriege nach einer neuen historischen Identität für die Herzogtümer. Heute ist die GSHG eine lebendige Vereinigung, die sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert. Sie prägt die Forschung im Land durch Publikationen wie das „Schleswig-Holstein Lexikon“ oder die Reihe „Nordelbingen“ und fördert den Austausch durch Exkursionen und Diskussionsforen. Alle zwei Jahre veranstaltet sie den „Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte“, mit dem sie Landes- und Regionalgeschichtliche Themen eine breite Öffentlichkeit bietet. Mit ihrem digitalen Angebot sorgt sie dafür, dass das Wissen über die Geschichte Schleswig-Holsteins – vom Hafermotor bis zum Goldeimer – nur einen Klick entfernt ist.
zur Website → geschichte-s-h.de