„Die Bühne? Nee, die vermisse ich nicht“, sagt Susanne Vogel gelassen und unaufgeregt. Heute steht die Profi-Musikerin nur noch manchmal auf Bühnen.
Die Zeit, in der sie unentwegt auf Tour und in Studios Bass spielte, „im Zickzack“ durch Deutschland reiste, keine zwei Wochen am Stück an einem Ort war, ist eines der Kapitel ihrer Laufbahn. Musik macht sie immer noch, den Bass spielt sie weiterhin. Die berufliche Szenerie hat sie gewechselt, ihren aktuellen Wirkungsraum in die musikalische Nachwuchsförderung verlagert. Zwischendrin realisierte sie ihr eigenes Soloprojekt. Weil sie wissen wollte, wie das klingt. Die nächsten Ideen hat sie schon im Kopf.

Und dann kam der Bass
Für Susanne Vogel geht´s ums Musikmachen. Mit der Blockflöte fing es in der Grundschule an, später spielte sie im Quartett Barockmusik. Die Flöte blieb, bis sie 16 war. „Ein bisschen Klavier“ lernte sie auch, „das reicht zum Produzieren und Komponieren“, sagt sie. Mit 15 kam der Bass, quasi über Nacht: „Im Traum fand ich einen E-Bass auf unserem Dachboden. Der sah schräg aus, war abstrahiert. Aber es war ein Bass.“ Kurze Zeit später, im Familienurlaub in Frankreich, erlebte sie ein Konzert. Das sei der Moment gewesen: „Da hab´ ich mich in dieses Instrument verliebt, war hin und weg!“
Also fing sie an, Bass zu spielen. Zuerst Do-it-yourself, Noten konnte sie lesen. Zwei Jahre lang eignete sie sich das Bassspielen autodidaktisch an, nahm das Buch „Easy Rock Bass“ zur Hilfe, spielte mit ihrem Bruder im Duo – er am Klavier, sie am Bass – und in unterschiedlichen Bands. Als Ende der 1980er endlich eine Rock-Pop-Schule in ihrer Heimatstadt Freiburg eröffnete, ging sie sofort hin, lernte weiter unter professioneller Anleitung und spielte immer noch in verschiedenen Bands, insbesondere mit der Salsa-Band Apocalypso, erhielt erste Gagen. Eigentlich drehte sich alles um die Musik: „Ich war schon so tief drin in der Szene, hab´ irgendwie die ganze Zeit Gigs gespielt, auch schon Geld damit verdient.“
Geradeaus in die Musik?!
Mit dem Abi in der Tasche drängte die Frage nach dem Beruf – „und eigentlich war nichts anderes mehr übrig außer Musik.“ Eigentlich. Einen gedanklichen Schlenker machte Susanne Vogel dann doch noch, informierte sich über das Studium der Biologie. „Aber nein. Das war es nicht.“ Also ging der Weg doch geradeaus in die Musik. Dafür und um Profi-Musikerin zu werden, probte sie fünf Stunden pro Tag, schaffte es ins Studium bei Jazzgröße Thomas Heidepriem in Stuttgart. Sie spielte weiterhin Gigs mit ihren Freiburger Formationen, gab selbst Bassunterricht, studierte.
Mit Anfang 20 fing sie als Bassistin bei Edo Zanki an. Das war ein Sprung. Trotzdem glich das Hin und Her zwischen Studium und Engagements, zwischen Studierenden und Profi-Band einer Zerreißprobe: „Zeitgleich habe ich schon mit so tollen, erfahrenen, älteren Leuten gespielt – und im Vergleich fand ich das Studium und auch die Leute einfach nicht so spannend.“ Dann tourte sie auch noch mit Ina Deter und Pe Werner durchs Land. Sie zog nach Hamburg. In die Großstadt wollte sie, „irgendwie fand ich die Nordlichter cool“.
Durchgezogen hat sie ihr Studium dennoch, wenn auch „unter Mühen und gegen die eigenen Widerstände“. 1995 machte Susanne Vogel ihr „Diplom Musiklehrer für Jazz- und Popularmusik“ mit dem Hauptfach E-Bass (heute: Instrumental- und Gesangspädagogik). Heute ist sie froh. Ohne Hochschulberechtigung wäre ihr jetziges berufliches Kapitel nicht möglich.
Soul und Funk auf Bühnen und in Studios

„Soul und Funk kann ich! Dafür braucht es eine rhythmische Feinbegabung, und die ist mir zum Glück geschenkt. Andere müssen sich das hart erarbeiten und kommen trotzdem an ihre Grenzen. Außerdem sind wir in Deutschland anders geprägt von der rhythmischen Struktur und Kultur.“
Mit ihrem Talent für Soul passte die junge Bassistin bestens in die Band von Edo Zanki (1952–2019). „Edo war ein hervorragender Sänger und er war damals wirklich der Vorreiter für soulige Musik auf Deutsch. Auch wenn die Plattenfirmen zunächst meinten: ‚So kann man doch nicht auf Deutsch singen.‛ Und dann kamen halt Laith Al-Deen, Xavier Naidoo und wie sie alle heißen.“ Als Band machten sie zahlreiche Tourneen und Studioaufnahmen. Von 1991 bis 2002 war sie festes Bandmitglied.
Leerzeiten gab es dennoch: „Du machst ja nicht jedes Jahr eine Platte, also reicht die eine Band meistens nicht.“ Und aktive Akquise? Die komme im Profi-Bereich nicht gut an, die Frage „Darf ich mitspielen?“ gäbe es sozusagen nicht: „Eigentlich wirst du rumgereicht, es läuft über Empfehlungen. Du musst es dir erarbeiten, gefragt zu werden.“
Susanne Vogel hat dieses Level sehr früh erreicht, sie wurde gefragt, konnte ihre Leerzeiten füllen. Auf Bühnen oder in Studios stand sie mit zahlreichen Künstlern, darunter Das Auge Gottes, Klaus Lage, Sabrina Setlur oder Inga Rumpf. Hinzu kamen Dozententätigkeiten sowie Engagements in verschiedenen Musicals und Musiktheatern, auch am Theater Lübeck.
Wider der Vernunft: weiter gen Norden
1996 zog sie noch ein Stück weiter gen Norden. Es war eine Art Mietflucht. Zur Wahl standen Lüneburg oder Lübeck. „Weiter weg vom Meer? Das will hier ja keiner!“, fand ihr Mann Peter, der aus Hamburg kommt. Begegnet sind sich die beiden „on tour“. Peter arbeitete als Backliner für Pe Werner, später dann auch für die Deutschrock-Größen Herbert Grönemeyer und Pur. Und obwohl Schleswig-Holstein gar nicht verkehrsgünstig sei für „zwei so Tingel-tangel-Leute“ und – pragmatisch betrachtet – Kassel wohl der beste Standort gewesen wäre, verorteten sie sich in Lübeck. Inzwischen leben sie noch ein Stück weiter nördlich, in Bad Schwartau.

Während der Edo Zanki-Zeit entwickelte sich mit Soulounge (2001–2010) die nächste große Etappe. Was zunächst als Session begann, wurde zur festen Band. Der wechselnde Gesang und die Anreicherung mit Gastmusikern wurden zum Prinzip – und zum Erfolgskonzept. Gastmusiker waren u. a. Roger Cicero oder Johannes Oerding. Zunächst spielte die Band Konzerte im Berliner Quasimodo und im Hamburger Schlachthof (heute: Knust), im Zwei-Monats-Takt. Dann folgten Tourneen. Drei Alben und rund 200 Konzerte brachte die Band in ihrer Ursprungsbesetzung hervor.
„Es gibt so Konzerte – da hast du das Gefühl, das bist nicht mehr du, die da spielt, sondern du und die ganze Band werden gespielt von einer Art höheren Macht. Das ist wie ein einziger Organismus oder ja, ein kollektives Gedächtnis. Ein irres Gefühl!“
Diesen Zustand, dieses „irre Gefühl“ erlebte sie mit ihren beiden langjährigen Bands. Sie erzählt davon wie von einem Geschenk und mit leuchtenden Augen, wohlwissend, dass dieser magische Moment nicht vom Himmel fällt: „Man braucht sehr, sehr viel gemeinsame Zeit und auch eine persönliche Harmonie untereinander. Du musst dir deiner Sache komplett sicher sein. So sicher, dass du sie loslassen kannst.“
Das Außen und „die Publikümmer“, wie sie mit Witz sagt, waren für sie „nie so wichtig wie der musikalische Prozess“. Mit Soulounge gelang es ihnen, mit dem Publikum in einen gemeinsamen Prozess zu geraten. Auch wenn Soulounge mehrere Jahre das Fokusprojekt bildete, liefen Lehrtätigkeiten und ausgewählte Engagements als Live- und Studio-Musikerin drumherum weiter, so wie es zusammenpasste.
Der Weg zur eigenen Musik: Esebria
Es wuchs ein weiteres Projekt heran, das erste ureigene: Esebria (gesprochen wie geschrieben).
„Zeit meines Lebens war ich Musikerin mit dem Schwerpunkt Bassspielen für andere Menschen. Um das wirklich gut anbieten zu können, auf einem hochprofessionellen Niveau, habe ich mich extrem intensiv mit meinem Instrument beschäftigt. Was ich aber nie gemacht habe, ist: meine eigene Musik. Wie ist denn meine Musik? Die Frage danach hat mich gewurmt.“
Sie wollte es wissen, machte sich an ihr eigenes Werk mit dem Anspruch, dabei alles selbst zu machen, was irgend ging. Dazu gehörten Dinge, die sie bis dato „ein bisschen und nebenher“ gemacht hatte, wie Produzieren, Aufnahme und Gesang.
„Klar habe ich immer gesungen, aber nie so gerne, mochte meine Stimme auch nicht so. Aber wer sonst sollte diese Texte singen, so persönlich und eigensinnig, wie sie waren?“ Das wollte sie niemandem vorschreiben. „Das Eigene doch wieder abzugeben, das passte für mich so nicht zusammen.“ Mit allem Drum und Dran dauerte es etwa zehn Jahre bis ihr Album „Songs of pain“ fertig wurde (2018). Das Album gibt es zusätzlich in einer Live-Version, als Videoproduktion. Dafür arrangierte sie ihre Songs für eine Band mit zwei Gitarren, zwei Schlagzeugen, zwei Keyboards und sich selbst am Bass und Gesang. „Dann haben wir neun Songs an einem Tag aufgezeichnet. Das macht man eigentlich nicht.“ Aber sieben Profi-Musiker – allesamt mit „Terminkalendern des Grauens“ – zusammenzukriegen, sei alles andere als einfach. Sie fanden zwei gemeinsame Tage, Anfang Januar.
Seitdem weiß Susanne Vogel ungefähr, wie ihre Musik klingt, zumindest diese eine Platte, aus eben dieser Phase. „In meinem Leben werd´ ich maximal drei Platten schaffen, in dem Tempo, neben all dem, was ich sonst noch so mache.“ Aber erstmal könne sie Esebria ruhen lassen, meint sie.
Alles hat seine Zeit
Das Hantieren mehrerer Stränge ist seit Studienzeiten fester Bestandteil ihrer Arbeit und Susanne Vogel weiß: Sie macht zu viel. Vielleicht ist das ein Ergebnis ihrer beruflichen Routinen?
Auch wenn sie sich meist einen Schwerpunkt setzt, hat sie permanent mehrere Projekte in der Mache und im Sinn. Zum Beispiel gibt es das G1, das „kleine Mini-Kulturzentrum“, mit einem der raren Lübecker Proberäume, das sie betreibt. Oder ihr 200 Seiten starkes Manuskript für den Unterricht, an dem sie arbeitet. Aus den zugehörigen Hörbeispielen will sie vielleicht eine App machen oder richtige Songs daraus schreiben. Schon lange will sie all ihre gespielten Gigs aus den alten Kalendern zusammentragen. „Da sind auch viele offene Enden“, lacht sie als sie davon spricht.
Das Unterrichten ist seit eh und je einer ihrer durchgängigen Stränge. Fast immer hat sie private Bassstunden gegeben. Für „so Tingel-tangel-Leute“ sei das ja auch wunderbar flexibel. Inzwischen sind Lehraufträge ihr Hauptjob. In Hamburg und in Lübeck gibt sie ihr Können und ihr Wissen weiter: E-Bass, Gehörbildung, Harmonielehre, Ensemblebetreuung, Jazz- und Poptheorie.

Schließlich kommt sie aus der Praxis, weiß, was der Beruf bedeutet und verlangt. An der Berufsfachschule Hamburg School of Music geht sie seit inzwischen 25 Jahren ein und aus, unterrichtet und konzipiert. 2006 kam der Lehrauftrag an der Musikhochschule Lübeck hinzu. „Lehre mach´ ich richtig gerne. Und es fällt mir auch leicht.“
Die Entscheidung, die Lehre zur Hauptsache zu machen, hat sich angebahnt. „Irgendwann war da der Punkt, da wollte ich nicht mehr abhängig sein von Gigs, sondern nur noch spielen, wo ich Lust drauf habe. Das war ein ziemlicher Schritt, erstmal alles abzulehnen, was so kam.“ Dass die Anfragen in der Konsequenz abebben würden, sei ihr glasklar gewesen. Anfragen kommen noch, aber in gänzlich anderer Schlagzahl. Zuletzt spielte sie ein Konzert mit Elton Song Project in Bargteheide, machte eine Studioarbeit für Klaus Lage. Regelmäßig tritt sie in der 1st Class Session auf, in der Musiker Peer Frenzke verschiedene Talente und Musikgrößen für einmalige Gigs zusammenbringt.
Immer noch möchte Susanne Vogel in der Hauptsache Musik machen und tut es konsequent, mit Beweglichkeit und Varianz. Vielleicht schwingt genau deshalb diese erstaunliche Leichtigkeit mit, wenn sie von ihren beruflichen Bahnen erzählt. Für Susanne Vogel hat alles seine Zeit. Aber die Musik bleibt ihr Kerngeschäft.
→ Webseite von Susanne Vogel: bassgrooves.de/home.htm
→ Esebria auf Instagram
→ Susanne Vogel am Bass bei einem ihrer weiteren Musikprojekte: hitKehx –First Impact (2015):
→ Susanne Vogels Vater, Peter Vogel (1937–2017), zählt zu den Pionieren der Klangkunst. Heute wird seine elektronische, interaktive Kunst, in der auch Musik steckt, von Susannes Bruder Achim aktiviert, verwaltet und gewartet: petervogel-heritage.de
Die Reihe Mensch, Musik! erscheint in Kooperation mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein. Der erste Teil portraitiert den Komponisten Shaul Bustan, der zweite die Landesfachleiterin für Spielleutemusik Daniela Paulsen und Teil 3 stellt mit den Großmanns gleich eine ganze Musik-Familie vor.
Alle Portraits der wachsenden Reihe sind → hier zu finden.
