GESUCHT: Künstlerische Positionen für einen Erinnerungsort an die koloniale Geschichte Flensburgs

Teilen

Das Flensburger Schifffahrtsmuseum ruft Künstler*innen, interdisziplinäre Teams und künstlerische Initiativen aus dem In- und Ausland dazu auf, am offenen, zweiphasigen Ideenwettbewerb für einen Erinnerungsort zur kolonialen Vergangenheit der Stadt Flensburg teilzunehmen. Gesucht werden konzeptionelle Entwürfe, die sich künstlerisch und kritisch mit den kolonialen Verflechtungen einer Stadt auseinandersetzen, die lange Zeit als norddeutscher See- und Handelsplatz im Schatten der empiregeschichtlichen Diskurse stand.

Die Ausschreibung ist bewusst offen formuliert: Es gibt keine Vorgaben hinsichtlich Form, Material, Stil oder Gattung – Memorial, Installation, Skulptur, Mural, performative Setups oder hybride Konzepte sind denkbar. Die Stadtgesellschaft wird aktiv in die Entscheidung eingebunden: In einer öffentlichen Ausstellung werden ausgewählte Entwürfe präsentiert und in einem partizipativen Abstimmungsverfahren bis zu drei Siegerarbeiten ermittelt und prämiert. Insgesamt stehen Preisgelder in Höhe von 6.000 Euro zur Verfügung.

Warum ein koloniales Denkmal in Flensburg? Historischer und aktueller Kontext

Flensburg ist heute eine lebendige Grenzstadt im nördlichsten Zipfel Schleswig-Holsteins, deren Geschichte weit über lokale Handels- und Fischereitraditionen hinausreicht: Die Stadt war über Jahrhunderte ein bedeutender Hafen, dessen Kaufleute aktiv im transatlantischen Warenhandel vernetzt waren. Besonders der Handel mit Zucker, Rum und anderen kolonialen Produkten – eng verknüpft mit Plantagenwirtschaft und der Versklavung von Menschen in der Karibik – macht Flensburg zu einem Ort, an dem koloniale Verflechtungen sichtbar werden.

Im Flensburger Schifffahrtsmuseum, dokumentiert die Dauerausstellung „Rum, Zucker, Sklaverei“ diese globalen Verflechtungen: Sie macht deutlich, wie der koloniale Handel die lokale Wirtschaft prägte und bis heute in kulturellen Narrativen und im Stadtbild weiterwirkt.

Trotz dieser tiefen historischen Verflechtungen fehlt in Flensburg bislang ein sichtbarer, öffentlicher Erinnerungsort für die koloniale Vergangenheit. In den vergangenen Jahren hat sich die Debatte über Erinnerungskultur und postkoloniale Verantwortung intensiviert: 2022 verabschiedete der Flensburger Kulturausschuss einstimmig einen Beschluss zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, der unter anderem die Schaffung eines Erinnerungsortes empfiehlt und eine kritische Auseinandersetzung mit historischer Verantwortung einfordert. Parallel dazu initiieren zivilgesellschaftliche Netzwerke postkoloniale Stadtrundgänge und Diskussionsformate, die Flensburgs Geschichte aus globalhistorischer Perspektive betrachten und verbreitete Erzählmuster hinterfragen.

Ein kulturelles Angebot für künstlerische Reflexion

Der jetzt ausgelobte Ideenwettbewerb setzt genau hier an: Er bietet Künstler*innen die Gelegenheit, über ein künstlerisch-konzeptionelles Projekt an einem zentralen Ort im öffentlichen Raum – geplant im Umfeld des Innenhafens in Sichtachse zum Schifffahrtsmuseum – Erinnerung, Reflexion und Dialog miteinander zu verbinden. Die neu entstehenden Entwürfe sollen nicht nur historische Verantwortung thematisieren, sondern auch Wege in die Zukunft aufzeigen: Wie kann ein kollektives Gedächtnis sichtbar werden? Wie lassen sich formale Ästhetik und politisches Erinnern sinnvoll verbinden? Und wie können Kunst und Stadtgesellschaft gemeinsam einen Ort gestalten, der für kritische Auseinandersetzung und internationalen Austausch steht?

Künstlerische Positionen sind bis zum 30. April 2026 zur ersten Wettbewerbsphase einzureichen; anschließend wird in einer öffentlichen Schau über die Preisträgerinnen und Preisträger entschieden. Die Realisierung des später ausgewählten Entwurfs soll im Rahmen der anstehenden Umgestaltung des Innenhafens mitgedacht werden.

Ausschreibung im Detail


„Flensburg Harbour“ musikalisch: 

Unterstützen Sie kulturkanal.sh
– für eine lebendige Kulturszene

Vielen Dank, dass Sie kulturkanal.sh nutzen. Unser Online-Feuilleton für Schleswig-Holstein bringt Ihnen spannende Inhalte und aktuelle Berichte über das vielfältige kulturelle Leben in unserer Region.

Um weiterhin unabhängige und hochwertige Inhalte anbieten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Mit einer freiwilligen Zahlung helfen Sie uns, durch unsere Berichterstattung die Kultur vor Ort zu fördern.

Jeder Beitrag zählt – machen Sie mit und stärken Sie die regionale Kultur!

Themen

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Neueste Artikel