Auf Grenzen wandern… und sie dabei brechen – Shilpa Gupta in Lübeck

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Schon vom Foyer aus ertönen leise Protestlieder, ein Ventilator verweht die Seiten eines Buches und die Buchstaben einer Flughafenanzeige klappern wild vor sich hin – eine immersive Mischung, die Shilpa Guptas Kunst ausmacht und gleich Lust auf die ungewöhnliche Ausstellung weckt. In „We last met in the mirror“ wird auf verschiedenste Weise mit dem Thema Grenze gespielt und im wahrsten Sinne des Wortes der Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten.

Shilpa Gupta durchbricht die Definitionen von Grenze

Die international renommierte Künstlerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Grenzen von gesellschaftlichen und sozialen Fragestellungen auszutesten. Die in Mumbai wohnhafte Shilpa Gupta studierte zunächst Bildhauerei. Ihr Hang zum Dreidimensionalen zeigt sich auch deutlich in der Ausstellung. Sie arbeitet mit Perfomances und Installationen, ganz abseits von der traditionellen Schule. Genau so wenig traditionell wie ihre Themen: Grenzen, Zensur, aber auch die Gemeinschaft. Und genau darum geht es in ihrer neuen Ausstellung im St. Annen Kunstmuseum in Lübeck: Wie nehmen wir Grenzen wahr, und wie wahr sind diese Grenzen? 

Dieses Austesten gelingt Shilpa Gupta durch den Ansatz der Konzeptkunst. Dabei geht es hauptsächlich darum, die Idee hinter den Werken zum Ausdruck zu bringen, aber nicht um den Preis der Ästhetik. Die Künstlerin nutzt eigentlich alle Materialien dafür,  außer dem, was man sich klassischerweise unter einer Ausstellung vorstellt: Malerei.

Worte der Künstlerin in Glasflaschen gesprochen und so verewigt. Foto: Lisa Naggatz

Shilpa Gupta schafft es, Ästhetik und Ausdruck zu verbinden, wie in einem Werk besonders deutlich wird. Beschriftete Glasflaschen verdeutlichen die Worte, die inhaftierten DichterInnen versagt werden sollen. Von „was moved“ links im Bild über „how bitter language has become“ zu „you are in me“ auf der rechten Seite. Dabei thematisiert die Künstlerin die Grenzen der Sprache, aber auch, dass es in autoritären Regimen trotz Sprachzensur Wege gibt, sich über diese Grenzen hinwegzusetzen. Gleichzeitig fragt sie: Existieren diese Grenzen überhaupt – wenn es doch Wege gibt, über diese Grenzen zu schreiten?

Welche Grenzen? 

Sprache ist ein besonderes Thema in der Ausstellung. Und das aus gutem Grund. Denn Sprache zeigt, wie unnatürlich das ganze Konstrukt von Grenze ist. Sprachen breiten sich grenzenlos aus, wie an der Verbreitung des Englischen oder Deutschen zu erkennen ist. Und auch über Ländergrenzen hinweg gibt es Menschen, die aus ähnlichen Lebensrealitäten kommen. Die Teilung von DDR und BRD ist dabei ein für uns sehr präsentes Beispiel.

Ein Stück, das zeigt, wie schwer es ist, Grenzen zu setzen. Foto: Lisa Naggatz

Es gibt keine klare Definition davon, was eine Grenze ausmacht. Menschen selbst sind an Grenzsetzungen beteiligt und die Grenzzieher. Gulpa erzählt von der Schwierigkeit, Grenzen überhaupt ziehen zu können, und von Landesgrenzen, welche jeder unterschiedlich setzt. Anhand eines Buches, in dem verschiedene Menschen die Grenze von Deutschland aus ihrem Kopf nachgezeichnet haben, präsentiert die Ausstellung schon fast humorvoll die Ironie der Grenze.

Aus verschiedenen Blickwinkeln, Ansichts- und Herangehensweisen nähert sich die Künstlerin dem erst einmal steifen und unzugänglichen Thema Grenze. Doch egal, an welchem Stück man gerade vorbeigeht, der Grundsatz bleibt: Grenzen sind weder einheitlich noch natürlich und schon gar nicht unüberwindbar. 

Spiele mit Assoziationen 

Das Besondere an „We last met in the mirror“ ist die Art und Weise, wie Shilpa Gupta ihre Themen vermittelt. Anstatt eine spezifische Definition auf eine Tafel zu setzen, sollen BesucherInnen selbst die Themen weiterführen und neue inhaltliche Brücken bilden. Alles ist Auslegungssache – und genau damit spielt Gupta. 

Was tatsächlich in den Tüchern steckt, bleibt im Verborgenen. Foto: Lisa Naggatz

Besonders zur Schau gestellt wird dies an einem zunächst einmal unscheinbar wirkenden Stück. In Tüchern verborgene Objekte, deren Umrisse meist zu erkennen, aber nicht wirklich durchschaubar sind, spielen mit der Neugierde der BesucherInnen. Je länger der Blick über die Objekte wandert, desto mehr erkennen die Betrachtenden auch:  Erst ein Schraubenzieher, dann etwas, das aussieht, wie ein Kochlöffel oder ein Hammer materialisieren sich in der beigefarbenen Masse. Die Hintergrundgeschichte bleibt jedoch erst ein Mysterium. Dass es sich bei den in indischem Tuch eingewickelten Gegenständen um Beschlagnahmungen am Grenzzaun handelt, ist so undurchsichtig wie der Grund, weshalb sie weggenommen wurden.

Grenzen verbinden

Shilpa Gupta erzählt jedoch nicht nur traurige Geschichten. Auch Anekdoten vom Widerstand und davon, wie Grenzen die voneinander getrennten Gemeinschaften verbinden können, finden Gehör. Auch buchstäblich. Denn aus einem Raum ertönen Protestsongs unterschiedlicher Nationen. Eine weitere bewegende Geschichte muss erst durch Kontext wieder zusammengebaut werden. Ein grenzenloser Himmel zeigt ein paar kleine Metallteile, welche in der Leere zu fliegen scheinen. Es stellt sich heraus, dass diese unscheinbaren Einzelteile zu einem Motor gehören, der vor der Grenze Pakistans auseinander- und hinter der Grenze wieder zusammengebaut wurde, nachdem er in Einzelteilen von vielen Menschen über die Grenze geschmuggelt wurde. Die Einfuhr von Motoren ist nämlich von der Regierung verboten. So schaffen es beide Parteien, die in Indien, die die Motoren herstellen und die in Pakistan, die die Motoren verkaufen wollen, trotz allem und mit viel Kreativität, die Grenzen zu überwinden. 

Kleine Zeichen, wie die Gemeinschaft Grenzen überschreiten kann. Foto: Lisa Naggatz

Die Welt ist grenzenlos

Vor allem in Zeiten, in denen sich die Grenzen zwischen Ländern, Gesellschaften und Individuen wieder zu verhärten scheinen, schafft diese Ausstellung nicht nur Raum für diese Gedanken, sondern fordert sie heraus und zeigt gleichzeitig, wie grenzenlos bestimmte Aspekte sein können.

Noch bis Anfang April ist „We last met in the mirror“ im St. Annen Kunstmuseum in Lübeck zur Schau gestellt. Sowohl dialogische Rundgänge und besondere Veranstaltungen wie „meet art for kids“, oder eine Kunstmittagspause gehören zum Programm der Ausstellung, welches im Online-Kalender eingesehen werden kann.

Von Dienstag bis Sonntag können Interessierte zwischen 10 und 17 Uhr die Ausstellung besichtigen und sich eigene Gedanken zu den Objekten machen. Nicht Volljährige und Studierende kommen kostenlos in die Ausstellung. Für alle Weiteren kostet ein Tagespass 12 Euro, der aber auch zu zehn weiteren Museen in Lübeck Einlass gewährt.

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