Mensch, Musik! Kirchenmusiker Daniel Zimmermann

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Der Turm der Michaeliskirche ragt weit sichtbar über die Dächer Kaltenkirchens. Der rote Backsteinbau ist seit zehn Jahren der Arbeitsplatz von Daniel Zimmermann. Besser gesagt, einer seiner Arbeitsplätze. Denn der Kirchenmusiker und Kantor liebt die Vielfalt seiner Tätigkeiten zwischen Chor, Orgel und Cembalo.

Daniel Zimmermann steht im Schiff der Kirche und breitet die Arme aus. „Richtig hell und eine sehr gute Akustik“, lobt er. Weiß getünchte Wände ragen bis unter das hölzerne Tonnengewölbe der Decke. Unten stehen Holzbänke dicht gedrängt vor den Stufen zum Altar. Von dort ist die Orgel gut im Blick, Zimmermanns Platz. Bei Gottesdiensten, Hochzeiten, Trauerfeiern sitzt er dort oben und sorgt für den musikalischen Rahmen. „Es umfasst das ganze Leben, von Taufe bis Tod“, sagt der gebürtige Kieler.

Musik und Predigt im Zwiegespräch

Die Musik spielt bei jedem Gottesdienst eine wichtige Rolle, sie greift die Stimmung auf und begleitet die Predigt. Im besten Fall entspinnt sich daraus ein Zwiegespräch mit den Pastor:innen, ein Dialog aus Worten und Klängen. Gerade bei Trauerfeiern sei das wichtig, berichtet Zimmermann: „Es ist ein Unterschied, ob da ein Jugendlicher zu Grabe getragen wird oder ein alter Mensch, der nach einem langen Leben ruhig gegangen ist.“ Er versuche auch, musikalische Wünsche der Angehörigen zu erfüllen: „Die Orgel der Michaeliskirche ist ein tolles Instrument, das vieles möglich macht.“

Der Glaube steht im Mittelpunkt, symbolisiert durch das Kreuz in der Michaeliskirche. Foto: Geißlinger

Kirchliche Musik hat eine uralte Tradition. Die Geschichte der Gregorianischen Gesänge reicht ins 6. Jahrhundert zurück, Namensgeber war Papst Gregor der Große. Im Lauf der Geschichte gab es immer wieder Berührungen zwischen Kirche und Musik – große Komponisten standen im Dienst der Kirche wie Johann Sebastian Bach oder schrieben Musik mit religiösem Bezug, wie Händels „Messias“ oder Mozarts zahlreiche Messen.

Studium mit Orgel, Gesang und Theologie

Heute aber sitzt längst nicht mehr in jeder Kirche ein Profi an den Orgeltasten. Das läge gar nicht unbedingt daran, dass die Gemeinden sparen müssten, sagt Daniel Zimmermann. „Es fehlt an Nachwuchs.“ Er selbst studierte Kirchenmusik in Hamburg. Das Fach umfasst ein breites Spektrum: Orgelspiel, Gesang und Klavier, meist in Einzelübungen mit einer Lehrkraft. Dazu die kirchlichen Fächer wie Gesangbuchkunde, Theologie und Liturgie. „Es bereitet einen auf das vernetzte Arbeiten vor, aber man hat eigentlich permanent ein schlechtes Gewissen, weil man nicht alles schaffen kann“, erinnert Zimmermann sich an seine Studienjahre.

Kiel, Hamburg, Kaltenkirchen: Daniel Zimmermann ist dem Norden treu geblieben. Foto: Geißlinger

Dass die Kirchenmusik seine Berufung ist, stand für den heute 37-Jährigen seit seiner Jugend fest. Musik spielte in der Familie eine große Rolle. Die Eltern, beide Lehrer:innen, beherrschen Instrumente, der Vater leitete zudem einen Chor. Schon als Jugendlicher durfte Daniel in seiner Gemeinde die Orgel spielen und vertrat manchmal den Kantor beim Gottesdienst. Auch die Religion ist ihm wichtig: Den Glauben an Gott zu leben und über die Musik weiterzugeben, nennt er das Eigentliche, den Kern seiner heutigen Arbeit. „Oder, um es ganz kirchlich zu sagen: Verkündigung.“

Zwei Kirchen, mehrere Chöre und viele Angebote

Für qualifizierte „A“-Kirchenmusiker:innen gibt es nicht allzu viele volle Stellen. Auch die Gemeinde in Kaltenkirchen bot zunächst nur eine „B“-Stelle an, die im später aufgestockt wurde, passend zur Größe der Gemeinde und den vielfältigen Tätigkeiten des Kantors. Zimmermann spielt außer in der Michaeliskirche auch im Gotteshaus im nahegelegenen Alveslohe und betreut mehrere Chöre und Musikgruppen. Darunter ist die Kantorei mit fast 90 Personen, aber auch die Band in der Gemeinde Alveslohe, die den Gottesdienst mit E-Gitarre und Schlagzeug begleitet. „Das ist ein witziger Kontrast“, sagt Zimmermann, der sich vorstellen kann, auch in Kaltenkirchen so eine Band zu gründen.

Denn ein großes Thema bewegt alle Hauptamtlichen im Kirchendienst: „Wie bringen wir die Leute dazu, sich zu engagieren, wie halten wir sie zusammen und binden sie ein?“ Auch wenn die Zahlen der Kirchenmitglieder sinken, sie sind immer noch beachtlich. In Kaltenkirchen und Umgebung gehören rund 9000 Personen der Gemeinde an. Viele engagieren sich, aber ein Großteil bleibt den Veranstaltungen fern. Dabei sei es, auch für die Stimmung in der Gesellschaft und den Erhalt der Demokratie, wichtig, wenn viele Menschen zusammenkämen und sich austauschen, meint Zimmermann. Er versucht daher, möglichst viele Angebote zu machen. Im Sommer etwa findet auf dem Rasen vor der Kirche ein Open-Air-Festival mit Gastmusiker:innen statt – auch eine Veranstaltung, die Menschen zusammenbringt und Begegnungen ermöglicht.

Beruf Orgel, Hobby Cembalo

Als ob es nicht reichen würde, den Arbeitstag mit Klängen zu verbringen, hat sich Daniel Zimmermann auch noch ein musikalisches Hobby ausgesucht. Seit seiner Jugend spielt er Cembalo, hat sogar mit seinem Vater gemeinsam ein Instrument gebaut und später Cembalo studiert. Heute gehört er dem Hamburger Ensemble „Schirokko“ an. Das Orchester aus Profi-Musiker:innen, das 2007 entstand, interpretiert auf historischen Instrumenten oder deren Nachbauten klassische Musik, vor allem des Barock, neu und lebendig. „Schirokko“ hat bereits mehrere CDs auf den Markt gebracht und das Festival „Hamburg barockt“ ins Leben gerufen. Das Ensemble tritt vielfach in Kirchen auf, aber auch schon in der Elbphilharmonie oder der Laeiszhalle.

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Für Daniel Zimmermann ist es schön, Teil eines Orchesters zu sein, buchstäblich Teamplayer zu sein statt vorne stehen zu müssen. Spannend sei neben der Musik auch der Kontakt zu vielen Kolleg:innen. Generell sei die Lage für Musiker:innen, auch für die freiberuflichen, im Norden besser als im Süden, sagt Zimmermann. Hamburg gelte als „Orgelhauptstadt“. Und wenn die Kirchenmusik hochgehalten werde, gebe es auch ein interessiertes und gebildetes Publikum und entsprechend großen Bedarf. In Hamburg, genauer gesagt an der Arp-Schnitger-Orgel in der St. Jacob-Kirche, hat der Organist seine erste Orgel-Solo-CD eingespielt. „Alle Zeit ward Gegenwart“ heißt das Werk, das 2018 erschien.

Kinder an Musik heranführen

Einen weiteren Nebenjob hat Zimmermann bei einem musikalischen Bildungsangebot des NDR. Kinder und Jugendliche besuchen das Studio und bekommen eine Einführung in Chorgesang oder Instrumente. Am Ende der Proben steht ein Konzert für Eltern und Freunde. Rund 2.500 Kinder nehmen in einer Woche an den Angeboten teil. „Für viele ist das eine Erstbegegnung mit dieser Art von Musik“, sagt Zimmermann. „Das ist sehr spannend zu beobachten.“

Mehrere Jahre lang unterrichtete er auch den kirchenmusikalischen Nachwuchs an der Musikhochschule Hannover. Aus Zeitgründen musste dieses Amt weichen.

Ein Moment der Ruhe: Daniel Zimmermann in „seiner“ Kirche. Foto: Geißlinger

Denn jenseits aller Arbeit und Hobbys hat Zimmermann auch noch ein Privatleben und eine Familie. Seine Kinder sind elf, neun und sieben Jahre alt. „Da muss man sich schon sehr gut organisieren“, sagt Zimmermann. Alle drei Kinder seien musikalisch – aber zum Chorsingen oder einem Instrument zwingen will er sie auf keinen Fall, um ihnen nicht den Spaß an der Musik zu verderben. „Ich kenne einige Leute, denen das passiert ist“, sagt er.

Von Kiel nach Hamburg nach Kaltenkirchen – Daniel Zimmermann ist dem Norden immer treu geblieben. Weiter weg wollte er nie. Vor allem, weil er über sein vielfältiges Engagement so viele Kontakte geknüpft hat, aus denen sich enge Bindungen und Freundschaften entwickelt haben.

Die Reihe „Mensch, Musik“ erscheint in Kooperation mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein. Der erste Teil portraitiert den Komponisten Shaul Bustan, der zweite die Landesfachleiterin für Spielleutemusik Daniela Paulsen und Teil 3 stellt mit den Großmanns gleich eine ganze Musik-Familie vor. Im Mittelpunkt des vierten Portraits steht die Bassistin Susanne Vogel.

Alle Portraits der wachsenden Reihe sind → hier zu finden.

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