Kelly Laubinger aus Neumünster ist Sinteza und seit einigen Jahren Geschäftsführerin der Sinti Union Schleswig-Holstein. Nun ist ein Comic erschienen, der ihre Arbeit beschreibt. Gezeichnet und geschrieben hat ihn die Künstlerin Nina Prader.

Meist direkt von vorn stellt Prader ihre Figuren im Comic dar – sie wenden sich damit den Betrachter:innen zu, schauen sie an. Die bunten Zeichnungen wirken schlicht, sind eher skizzenhaft. Nicht immer passen die Proportionen, manchmal sind in einer schwarz-weißen Zeichnung nur einzelne Stellen farbig hervorgehoben. Damit erinnern einzelne Bilder an die Arbeit von Gerichts-Zeichner:innen. Sicher nicht zufällig. Die österreichisch-amerikanische Autorin, Zeichnerin und „Künstlerin-Bibliothekarin“ war bei einem Projekt im Jüdischen Museum Frankfurt als „museale Gerichtszeichnerin“ unterwegs.
Die Künstlerin war bei der Arbeit dabei
Material für den Comic über Kelly Laubinger sammelte Prader bei einem Besuch in Neumünster. Mehrere Tage lang sei ihr die Künstlerin nicht von den Fersen gewichen, berichtet Laubinger. „Sie hat mich bei der Arbeit und vielen Gesprächen begleitet und dabei auch registriert, dass ich mich oft wiederholen und die Dinge immer wieder aufs Neue erklären muss.“ Daher zeigt eine Zeichnung unter der Überschrift „Die tägliche Aufklärungsarbeit“ einen Ventilator.
Ansonsten aber steht im Mittelpunkt fast jeder Zeichnung Kelly Laubinger selbst. Der Comic trägt auch ihren Namen: „Kelly Laubinger. Ein Resilienz-Rezept“ heißt das schmale Werk, das im Selbstverlag der Sinti Union Schleswig-Holstein und Pragers eigenem Label „Lady Liberty Press“ erschienen ist.

Minderheit der Sinti und Roma – anerkannt, dennoch diskriminiert
Kelly Laubinger gehört der Minderheit der Sinti und Roma an, die in Schleswig-Holstein ebenso anerkannt ist wie die Fries:innen oder Dän:innen. Die erste urkundliche Erwähnung der Minderheit stammt aus dem Jahr 1417, heute leben rund 5.000 Sinti und Roma in Schleswig-Holstein. Die hier lebenden Mitglieder der Minderheit sind meist „Sinti“. Dieser Begriff beschreibt die Teilgruppe der Roma, die in Mittel- und Westeuropa seit langer Zeit fest verwurzelt ist. Alle diese Fakten gehören zu den Dingen, die Laubinger immer wieder erklären muss.
Die Neumünsteranerin stammt aus einer Familie, die seit vielen Generationen in der Stadt lebt. Ihre Großeltern erlebten das Dritte Reich und den Holocaust, der sich auch gegen Sinti und Roma richtete. Ein Denkmal in der Stadt erinnert heute an diese Zeit. Aber die Angehörigen der Minderheit erleben auch heute noch häufig Diskriminierung im Alltag. Auch Kelly Laubinger wird im Jahr 2021 Opfer einer Diskriminierung. Sie will in ein Fitness-Studios eintreten und wird abgelehnt. Angeblich, weil es keine freien Plätze mehr gibt. Aber eine Freundin Laubingers darf sich anmelden. Offenbar liegt es an dem Nachnamen, der in Neumünster als „typisch Sinti“ bekannt ist. Laubinger klagt – und gewinnt. Das war der Start ihrer Karriere als Aktivistin.
Heute ist sie als Geschäftsführerin der Sinti Union landes- und bundesweit unterwegs, hält Vorträge, informiert, stellt Sichtbarkeit für ihre Community her. Damit sei sie ein Vorbild, eine Vorreiterin, schreibt Nina Prager im Comic. Symbolisch zeichnet sie Kelly in Turnschuhen mit Flügeln. Damit steht die Comic-Figur fest auf dem Boden, könnte sich aber jederzeit in die Lüfte erheben.
Sinti und Roma in Comics unterrepräsentiert
Sie fände es großartig, im Comic gewürdigt zu werden, sagt Kelly Laubinger. „Meine Arbeit ist natürlich komplexer, als Nina Prader sie darstellt. Aber das Medium Comic ist toll, denn es sorgt für Sichtbarkeit.“ Als Comic-Held:innen sind Sinti und Roma selten. Einzig Magneto, der Superschurke, aber auch durchaus manchmal Verbündete der heldischen X-Men, wurde eine Zeitlang als Sinto dargestellt. Doch schließlich entschieden sich Marvel-Verlag und die Schaffer:innen der Serie, aus dem Holocaust-Überlebenden einen Juden zu machen.

Wie austauschbar die Geschichten von Angehörigen einer Minderheit unter einem Terrorregime sind, ist auch ein Thema in Nina Praders Comic. Sie selbst hat jüdische Wurzeln, die beiden Frauen kennen sich über ihre Arbeit in der Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD). In diesem „kollaborativen Netzwerk“ sind Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen beteiligt, die zu pluralen Erinnerungskulturen forschen und arbeiten. „Jüd:innen sind unsere Geschwister“, sagt Laubinger im Buch. Und Prader erwidert:
„Dann sind wir Schwestern.“
Das Buch „Kelly Laubinger. Ein Resilienz-Rezept“ ist bei der Sinti Union Schleswig-Holstein zu erhalten, es kostet zehn Euro.