Die Geschichte der italienischen Eisdielen in Deutschland reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Eismacher aus Norditalien brachten neue Geschmäcker und neue Formen des Konsums. In den Wirtschaftswunderjahren wurde die Eisdiele schließlich zu einem jener seltenen Orte, an denen tatsächlich alle zusammenkamen: Arbeiter und Angestellte, Jugendliche und Rentner, Einheimische und Zugewanderte. Italien begann für die meisten Deutschen nicht am Brenner, sondern an einem kleinen Marmortisch in der Fußgängerzone. Die Eisdiele war nie nur ein Geschäft, sie war immer auch deutscher Sehnsuchtsort.
Und hier spielt Maja Delinićs Inszenierung von „Der Diener zweier Herren“: Nicht in Carlo Goldonis Venedig des 18. Jahrhunderts, sondern im Eiscafé Venezia. Schon zu Beginn zieht der Wirt Brighella mit Eis durch die Zuschauerreihen. Sein Gasthaus ist in einer überdimensionierten Eiswaffel untergebracht. Das Italien dieser Inszenierung besteht aus Gelato, Mafiosi, Ravioli, Machos, großen Gefühlen und noch größeren Gesten. Die Figuren bewegen sich durch ein Land, das weniger geografischer Ort als kulturelles Klischee ist.
Tu vuò fa l´Americano
Doch das Italien, von dem hier geträumt wird, träumt selbst von etwas anderem: Der kaugummikauende Silvio spricht den Namen seines Rivalen Federico Rasponi mit amerikanischem Akzent aus, Mafiafilme werden zitiert. Zeitlupen erinnern an Hollywood. Immer wieder blitzen Bilder auf, die eher aus Las Vegas, aus „Der Pate“ oder aus amerikanischen Vorstellungen von Italien stammen als aus Italien selbst. Renato Carcassones „Tu vuò fa l´Americano“ hätte gut auf die bereits reichhaltige Italopop-Playlist des Abends gepasst: Deutschland träumt von Italien. Italien träumt von Amerika. Auf der Travebühne treffen sich beide Träume. Goldonis berühmte Komödie liefert dafür den Anlass. Truffaldino, Diener einer als Mann verkleideten Frau, nimmt aus Geldnot einen zweiten Herrn an. Dass es sich dabei ausgerechnet um den Geliebten seiner ersten Herrin handelt, weiß er nicht. Um seine doppelte Anstellung zu retten, verstrickt er sich in immer absurdere Lügen und treibt die Handlung mit jeder Rettungsaktion tiefer ins Chaos.
Delinić verlegt dieses Verwirrspiel in ein popkulturelles Italien irgendwo in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vokuhilas begegnen Nirvana-Shirts, Mafiafilme italienischen Fernsehshows, Videospielästhetik dem Jahrmarkttheater. Die Männer pflegen einen Machismo, der weniger Charaktereigenschaft als sorgfältig einstudierte Pose ist. Breitbeinig wird aufgetreten, bedeutungsvoll werden Rivalitäten beschworen – nur um immer wieder als lächerliche Inszenierung entlarvt zu werden. Die Frauen hingegen bewegen sich bemerkenswert souverän durch diese Welt der männlichen Selbstüberschätzung.
Überhaupt spielt dieser Abend lustvoll mit der Inszenierung von Geschlechterrollen und Identitäten. Dabei ist alles Zitat, Anspielung, Reminiszenz. Die Figuren bestehen aus kulturellen Versatzstücken, die sich ebenso unbekümmert mischen wie die Musik, die Kostüme und die Filmreferenzen. Aus dieser Lust am Nebeneinander entsteht eine Ästhetik, die man früher vielleicht postmodern genannt hätte. Oder einfach „anything goes“.
Dem bunten Treiben zuzuschauen macht erstaunlich viel Spaß. Die Typenwelt der Commedia dell’Arte verträgt sich hervorragend mit den Figuren dieses Italienbildes. Der Macho, der Liebhaber, die Schlaue, der Geizige, der Angeber – sie alle bewegen sich durch eine Welt, die bewusst auf psychologische Tiefenschärfe verzichtet.
Im Zentrum steht Truffaldino, gespielt von Heiner Kock. Mit Vokuhila, Fuchsschwanz am Gürtel und unstillbarem Hunger wirkt er wie eine Figur, die irgendwo zwischen Dorfkirmes und Comic entstanden ist. Er ist kein raffinierter Intrigant. Seine besondere Begabung besteht vielmehr darin, jede Situation durch eine spontane Notlüge noch weiter zu verschlimmern.
Jahrmarkttheater vor Altstadtkulisse
Und während die Herren lieben, leiden, posieren und intrigieren, arbeitet Truffaldino. Er trägt Koffer, serviert Essen, rennt über die Bühne und hält den Betrieb am Laufen. Dass Florindo nicht einmal sein eigenes Köfferchen tragen kann, während Truffaldino es mühelos ins Gasthaus schleppt, erzählt über die gesellschaftlichen Verhältnisse mehr als lange Dialoge.
Der Abend lebt von der Energie des Ensembles. Bei hochsommerlichen Temperaturen wird gesungen, getanzt, gekämpft und gerannt. Immer wieder wird die vierte Wand durchbrochen und das Publikum direkt angesprochen. Die offene Travebühne mit den Türmen der Lübecker Altstadt im Hintergrund und dem Volksfest nebenan liefert dafür die perfekte Kulisse. Tatsächlich scheint die Bühne selbst Teil dieses Jahrmarkts zu sein.

Genau an diesem Punkt beginnt allerdings auch die Ambivalenz des Abends: Das Programmheft erzählt ausführlich von den Ursprüngen des Theaters, von der Commedia dell’arte und von Goldonis Versuch, aus Typen Menschen zu machen. Auf der Bühne dagegen regieren vor allem Musik, Tempo und Typen.
Das ist keineswegs ein Makel. Aber es markiert die Grenzen dieser Inszenierung. Wer eine Auseinandersetzung mit Goldoni erwartet, wird davon nur Spuren entdecken. Auch einige der berühmtesten komischen Szenen des Stücks entfalten nicht jene Präzision und Eskalation, die ihren legendären Ruf eingebracht haben.
Popkulturelle Rollenangebote
Doch erzählt die Aufführung gerade durch ihre Lust am Klischee etwas über die Gegenwart: Während Goldoni die Typenfiguren der Commedia dell’Arte überwinden und aus ihnen Menschen machen wollte, scheint sich auf der Travebühne die Bewegung umzukehren: Die Bühne ist bevölkert von Machos, Mafiosi, Popikonen und Karikaturen. Von Figuren, die weniger Charaktere sind als Rollenangebote.
Und darin liegt die Aktualität dieses Abends. Denn auch die Gegenwart produziert unablässig neue Masken. Sie heißen heute nicht mehr Pantalone, oder Dottore. Sie kommen aus Filmen, Popsongs, Fernsehshows und sozialen Medien. Sie tragen Sonnenbrillen, sprechen mit amerikanischem Akzent und bewegen sich durch eine Welt aus Zitaten. Die gefeierte Individualität der Moderne erschöpft sich nicht selten selbst wieder in Typen, Klischees und kulturellen Rollenbildern. Deutschland träumt hier von Italien. Italien träumt von Amerika. Und beide Träume bestehen längst aus Bildern, die ihrerseits wieder auf andere Bilder verweisen.
So bleibt am Ende ein Abend über Sehnsuchtsorte, Masken und Zitate. Über die erstaunliche Haltbarkeit kultureller Klischees und über die Lust, sich ihnen für einen Sommerabend hinzugeben. Nicht im Venedig Carlo Goldonis, sondern im Eiscafé Venezia.
Besetzung
Inszenierung: Maja Delinić
Musikalische Leitung & Arrangements: Willy Daum
Bühne: Ria Papadopoulou
Kostüme: Janin Lang
Choreografie: Phaedra Pisimisi
Kampfchoreografie: Heiner Kock
Licht: Georg Marburg
Dramaturgie: Veronika Firmenich
Pantalone de’Bisognosi: Susanne Höhne
Clarice, seine Tochter: Lilly Gropper
Dottore Lombardi: Astrid Färber
Silvio, sein Sohn: Will Workman
Beatrice alias Federigo Rasponi Anna Seeberger
Florindo Aretusi, ihr Liebhaber Jan Byl
Brighella: Michael Fuchs
Smeraldina, Clarices Zofe: Luisa Böse
Truffaldino, erst Beatrices, dann Florindos Diener: Heiner Kock
Band Urs Benterbusch, Willy Daum, Jonathan Göring, Edgar Herzog, Peter Imig
Nächste Termine: Der Diener zweier Herren – Theater Lübeck