„Es gibt noch sehr viele Geschichten, die der Nacherzählung wert sein würden.“ (Festansprache zum 100. Jubiläum des Sönke-Nissen-Koogs 2024)
Der Sönke-Nissen-Koog gehört zu den schönsten der Westküste. Seine Eindeichung und Besiedelung bieten reichlich Stoff für ein Heldenepos mit allen nötigen Zutaten. Regionalhistoriker, Wasserbauer und Architekten haben gerne und gründlich über das alles geforscht, geschrieben und berichtet. Dennoch: Ein wirklich gutes Epos ist nie auserzählt.
Sowieso verengten wir Journalisten unsere Berichte meist auf zwei Themen: Wie die Häuser zu ihren grünen Dächer kamen und wie der Namensgeber durch koloniale Ausbeutung ein Vermögen erwarb und damit in seiner nordfriesischen Heimat eine Deichung finanzierte. Ausnahmsweise möchte ich aber der Anregung der Festansprache folgen und ein paar andere Geschichten wenigstens anreißen.
Genossenschaftliche Verantwortung
Vor allem ist der Koog meines Wissens der letzte, der von seinen bäuerlichen Anliegern in genossenschaftlicher Verantwortung gewonnen wurde. Das wird nach meinem Empfinden viel zu oft übersehen.
Nur ganz am Anfang der tausendjährigen Deichbaugeschichte, im Mittelalter, waren die Marschbewohner eigenständig für die Landgewinnung und -sicherung zuständig. Dann, mit dem steigenden Meeresspiegel, mussten die Deiche wachsen und wachsen. Das überforderte zunehmend die Kräfte und Finanzen bäuerlicher Genossen. Deshalb übertrugen die Landesherren in der Neuzeit die Eindeichungen an Investoren.
Es hatte sich somit ein Dreieck herausgebildet aus Staat, Investoren und Landwirten. Darin waren die Landwirte nur noch Juniorpartner. Wenn Theodor Storm seinen deichbauenden bäuerlichen Schimmelreiter durch die Mitte des 18. Jahrhunderts galoppieren lässt, ist das nicht mehr als ein literarisch notwendiger Anachronismus.
Marx Wulff aus Cäcilienkoog
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte dann Marx Wulff die Idee, doch wieder mit einer Bauerngenossenschaft einen Deich zu bauen. Ganz anders als die Storm-Figur war Wulff kein einsamer Außenseiter, kein unverstandenes Genie, kein spukhafter Schimmelreiter. Vor allem existierte er real.
Marx Wulff war Landwirt und stammte aus dem damals noch jungen, 1905 eingedeichten Cäcilienkoog. Der Koog liegt genau südlich des heutigen Sönke-Nissen-Koogs. Das Erleben der erfolgreichen Eindeichung seines Heimatkoogs ließ Wolff mit Interesse, vielleicht auch mit Begehrlichkeit, auf die tausend Hektar Vorland vor der Haustür blicken.
Wer finanziert den Deich?
Ein Deichbau war staatlicherseits längst geplant. Aber nach der Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg war eine Finanzierung durch den bitterarmen Nachfolgestaat in weite Ferne gerückt. Da war es Wulff, der 1921 als Vorsteher der übergreifenden Gemeinde Reußenköge eine überraschende Frage aufwarf: Könnte man nicht das Projekt im privaten Zusammenschluss anpacken? Ansporn gab die Gründung einer Deichbaugenossenschaft für den Neufelder Koog in Dithmarschen.
Schnell hatte Wulff eine Zahl heimischer Bauern hinter sich. Doch ohne Investor drohte die Deichung eine Fata Morgana zu bleiben. Erst der Kontakt zu Sönke Nissen brachte die Lösung. 1923 wurde die Genossenschaft Wirklichkeit.
Moorlinsen und Bürokratie
Es begann eine mühevolle Zeit voller unerwarteter Rückschläge. Verdreifachung der Kosten! Unerwartete Moorlinsen im Untergrund! Preußische Bürokratie! Eine goldene Nase wollten sich die Genossen verdienen, stattdessen standen sie jahrelang vor dem Ruin. Es spricht für das Stehvermögen der Genossen und ihrer Familien, dass sie sich für ihren Traum bis unters Dach verschuldeten. Es belegt gleichzeitig die Überzeugungskraft und die Führungsqualitäten eines Marx Wulff. Ohne Zweifel bietet der Kampf dieses Mannes und seiner Mitstreiter für die Verwirklichung ihres Lebenstraums genug Stoff für Drehbücher und Romane. Bloß hat die noch keiner geschrieben. Auch erinnert im Koog kein Denkmal an Wulff. Aber zwei Dinge sind geblieben, die mit Sicherheit wertvoller sind: die Erinnerung der Einheimischen und ein stattlicher Hof am südlichen Ende, bewirtschaftet von seinen Nachkommen.
Sönke Nissen starb bevor der Deichbau begann
Und was ist mit Sönke Nissen? Ich muss gestehen, über den bin ich mit den Koogsbewohnern und ihren Chronisten nicht ganz einig. Ja, Nissen gab das Geld und half beim Finanzierungsplan. Und ja, der Koog trägt seinen Namen zu Recht. Aber Nissen starb schon 1923, bevor der Deichbau begann. Die Sorgen mit überforderten Bauunternehmen, tückischen Moorlinsen, gefährlichen Stürmen, nassen Sommern und der unvorhersehbaren Kostenexplosion lasteten nicht mehr auf dem Unternehmer. Auch nicht die bitteren Aufbaujahre inmitten der Weltwirtschaftskrise. Das Päckchen mussten andere schultern, zum Beispiel sein Sekretär Christian Paulsen, der als Nachlassverwalter in die Pflicht kam. Paulsen blieb in der Folge dem Unternehmen ein Leben lang verbunden, siedelte schließlich selbst im Koog und wurde dort ein kundiger Deichvogt.
Heldinnen des Koogs
Neben männlichen Helden im Schatten von Nissen könnten wir auch über Heldinnen schreiben, nämlich über die Ehefrauen der Siedler. Chronist Nis Paulsen spricht jedenfalls mit Hochachtung von den Frauen der Generation seiner Mutter: „Sie haben nicht einen Jota weniger Anteil an der Überwindung dieser bösen Jahre.“ Aber wir Medienleute konzentrieren uns ja lieber auf grüne Dächer und Sönke Nissen. Die Erinnerung an die Gründergeneration überlassen wir jenen, bei denen das Gedenken letztlich auch am besten aufgehoben ist: den Nachkommen.
Ich habe am Anfang des Textes den Koog in den Rahmen einer tausendjährige Geschichte des Deichbaus gestellt. Ein konkreter Blick auf das zwanzigste Jahrhundert lässt übrigens ein Muster erkennen: Küste und Krieg vertragen sich nicht. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde bei Bedarf zügig eingedeicht. Nach Kriegsende war 15 Jahre lang Pause. Der Sönke-Nissen-Koog zählte zu den wenigen Ausnahmen. Anschließend wurden in rascher Folge acht Köge gewonnen. Dann kam der nächste Krieg. Nach dessen Ende war wieder 15 Jahre mehr oder minder Pause. Erst ab den Sechzigern und später packte man die großen Küstenschutzmaßnahmen an: Eiderabdämmung, Rickelsbüller Koog, Beltringharder Koog.
Zum Thema der Berichterstattung über den Sönke-Nissen-Koog noch ein selbstkritischer Nachsatz: Die Schafe, die vorm Koog auf dem Deich grasen, haben mit uns Journalisten etwas gemeinsam. Sie hungern nach Gras wie wir nach Geschichten. Die eine Gefräßigkeit sorgt am Deich für eine stabile Grasnarbe und die andere, hoffentlich, bei den Menschen für eine stabile Demokratie.
Aber beide Populationen haben auch eine lästige Angewohnheit: Sie laufen zu gerne auf ausgetretenen Trampelpfaden hintereinander her. Das beschädigt am Deich die Grasnabe und in der Menschenwelt die Berichterstattung.
Literaturhinweis
Ein guter Einstieg ist der erwähnte Festvortrag von Hans Peter Adzersen zur Hundertjahrfeier des Ersten Spatenstichs, im Internet hier zu finden und von Adzersen verfasst zusammen mit Sönke Nissen – mit dem Finanzier nicht verwandt.
Ein schmales, aber inhaltsreiches Buch veröffentlichte der Deichverband des Kooges 1948. Ein noch gründlicher recherchiertes und lebendig geschriebenes Monumentalwerk von Christian Paulsens Sohn Nis Paulsen gab der Sielverband des Kooges 1974 heraus. Beide Bücher sind vergriffen, aber per Fernleihe zu bekommen.
Hinweis aus der Redaktion: Praxistag Kolonialprofiteur Sönke Nissen
Der Praxistag vom Bundesverband Museumspädagogik e.V. beschäftigt sich in diesem Jahr mit Sönke Nissen. Unter dem Titel „Eine Welt im Museum 2026 | Kolonialprofiteur Sönke Nissen. Welche Erinnerung im Museum ist der Mann wert?“ findet am Montag, 9. November 2026, von 10 bis 16 Uhr eine Veranstaltung auf der Museumsinsel Schloss Gottorf in Schleswig statt.
Bei der deutsch-namibischen Aushandlung zu Gast sind:
- Marco Petersen (Historiker an der Dänischen Zentralbibliothek in Flensburg)
- Golda Ha-Eiros (Kuratorin Liberation Heritage, Ministerium für Verteidigung und Veteranenangelegenheiten, Windhoek, Namibia)
- Dr. Inken Carstensen-Egwuom (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Flensburg)
Sie führen in die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe des Themas ein. Am Nachmittag erarbeiten die Teilnehmenden in einem Workshop gemeinsam mit Golda Ha-Eiros sowie Vertreter*innen verschiedener Bildungsbereiche und der Kulturpolitik Eckpfeiler für ein partizipatives deutsch-namibisches Ausstellungskonzept.
Mehr Informationen auf der Website vom Bundesverband Museumspädagogik e.V.