Eröffnet wurde der Kanal im Juni 1895, also nächstes Jahr vor 130 Jahren. Zu diesem Anlass gab es eine feierliche Zeremonie mit Kaiser Wilhelm II, der kurzerhand beschloss: Der Kanal soll doch nicht Nord-Ostsee-Kanal heißen, sondern nach seinem Großvater benannt werden: Kaiser-Wilhelm-Kanal. Da waren die Gedenkmünzen und Postkarten mit dem eigentlich angedachten Namen, Nord-Ostsee-Kanal, bereits geprägt und gedruckt.
Von dieser Veranstaltung, wenn auch nicht von der spontanen Umbenennung, gibt es sogar ein kurzes Video – den ersten Dokumentarfilm Deutschlands, aufgenommen von dem Briten Birt Acres. Sein Titel lautet Opening of the Kiel Canal, denn so wird der Nord-Ostsee-Kanal (der seit 1948 auf Wunsch der Alliierten wieder seinen ursprünglichen Namen trägt) auf Englisch genannt. Dabei verbindet er so viele Orte miteinander, von Brunsbüttel an der Westküste über Rendsburg bis hin zu Kiel an der Ostküste.
Eintönig und gleichförmig

Stadtarchiv Kiel.
Gebaut wurde der Kanal natürlich für den Schiffverkehr. Per Livetracking kann man verfolgen, wie hier gut 70 Schiffe pro Tag Schleswig-Holstein durchqueren: der portugiesische Öltanker Liselotte Essberger, das deutsche Segelschiff Meerschwein, die Lotsenboote.
Auch mit dem Fahrrad kann man dem Verlauf des Nord-Ostsee-Kanals folgen. Mona Harry beschreibt die Strecke in ihrem Radtouren-Buch Ins Blaue: „Es ist sehr schön und wahnsinnig eintönig. Da ist der Kanal. Da ist die grüne Böschung. Da ist ein Schiff. Da ist der Weg. Immer gleich. Es geht nie bergauf oder bergab. Hier muss man stetig vor sich hin treten, um voranzukommen. Gleichförmig. Öde. Aber schön.“
Auch der Nord-Ostsee-Kanal an sich ist sehr gleichförmig. Auf der gesamten Länge von 100 Kilometern ist das Wasser immer gleich tief: elf Meter.
Ist das die Elbe? Oder die Weser?

Nicht nur durchqueren, auch überqueren kann man den Kanal. Zum Beispiel mit dem Zug. Von solch einer Überfahrt gibt es gleich zwei Beschreibungen von deutschsprachigen zeitgenössischen Autoren. An eine der beiden Beschreibungen denke ich häufig, wenn ich den Nord-Ostsee-Kanal mit dem Zug überquere, der von Westerland auf Sylt nach Hamburg-Altona fährt (und zurück). Denn diese Verbindung nimmt auch der (autofiktionale?) Protagonist in dem Roman Faserland von Christian Kracht. Er fährt mit dem Abendzug von der Insel aufs Festland, allerdings anders als ich mit einem ICE. Und er erzählt, vermutlich während der Zug abbremst, um über die Hochdonner Hochbrücke zu fahren:
„Irgendwo hab ich mal gelesen, daß sich irgendwelche Menschen bei Kassel immer beschwert haben, wenn der Zug über eine hohe Eisenbahnbrücke fuhr, also, dazu muß ich natürlich erzählen, daß die Menschen, die sich beschwert haben, genau unter dieser Eisenbahnbrücke gewohnt haben, also diesen Menschen ist immer wenn ein Zug über sie hinwegdonnerte, die Scheiße aus den Toiletten auf ihre Häuser gefallen. Und wenn sie vor die Tür gehen oder im Garten grillen, dann fällt die Kacke ihnen direkt auf den Kopf oder auf ihre Plastikmöbel im Garten.“
Es ist traurig, wie er das erzählt, die Pointe vergeigt, weil er betrunken ist. Und er ist ähnlich schlecht informiert wie die Tourist*innen, denen ich im Zug begegne. Laut denken sie darüber nach, welcher „Fluss“ da wohl unter ihnen verläuft: Ist das die Elbe? Oder die Weser?
Eine Geschichte, zwei Perspektiven

Denn die Geschichte hat sich tatsächlich hier abgespielt, am Nord-Ostsee-Kanal, nicht in Kassel (und auch nicht an der Elbe oder Weser). Joachim Meyerhoff fährt im ersten Buch Amerika seiner autobiografischen Reihe Alle Toten fliegen hoch mit dem Zug von Schleswig („die norddeutsche Kleinstadt, in der ich nicht geboren, aber aufgewachsen bin“) nach Hamburg. Er überquert den Nord-Ostsee-Kanal auf der Rendsburger Hochbrücke, nordöstlich von Christian Krachts Protagonist. Was ihm dabei durch den Kopf geht:
„Ich beugte mich ein wenig vor und hatte einen guten Blick auf die direkt unter der Brücke gelegenen, aus der Vogelperspektive hübsch aufgereihten Rendsburger Backsteinhäuschen. Die Bewohner dieser Häuschen hatten jahre-, wenn nicht sogar jahrzehntelang einen erbitterten Kampf gegen die Deutsche Bahn geführt, da die Fäkalien der Bahnreisenden in ihre Vorgärten fielen. Nicht im Ganzen natürlich, sondern durch die Schwellen und das Tempo zu Kackpartikeln zerhäckselt. Immer und immer wieder konnte man das damals in der Zeitung lesen und auch sehen. Reißerische Schlagzeilen wie ‚Kot sprengt Grillparty!‘ oder Fotos mit von Ekel erfüllten Hausfrauen vor Wäschespinnen, die gesprenkelte Handtücher hochhielten.“
Und so weiter und so fort, Meyerhoffs Schilderungen erstrecken sich über zwei Seiten. Er erzählt so ernsthaft und bildlich: Die Fäkalien werden bei ihm zu einer Kriegserklärung der Deutschen Bahn gegen die Bevölkerung und Rendsburg wird berühmt für einen sechs Kilogramm schweren gefrorenen Kotklumpen, der im Autodach einer Familie stecken bleibt.
Benützung der Toiletten verboten

Die Kackpartikel und Kotklumpen nehmen durch den Fäkalienprozess ein Ende. Ein Anwohner unter der Hochbrücke Hochdonn hat ihn geführt und für alle gewonnen, auch für jene unter der Rendsburger Hochbrücke. 1995 war das, nach drei Jahren Prozess. Nur noch fünf Jahre dürfe die Deutsche Bahn auf den Strecken Züge mit offenen Toilettensystemen einsetzen, hieß es damals. Das war ihr aber nicht vollständig möglich, sodass ab dem Jahr 2000 eine Durchsage erfolgte, die Meyerhoff im großen Finale seiner Ausführungen zitiert: „Liebe Zugreisende, die Benützung der Toiletten ist während der Brückenüberfahrt strengstens verboten, da es für die Bevölkerung zu Unannehmlichkeiten kommen kann.“
Ein Kanal mit vielen Konflikten

Doch der Fäkalienprozess war nicht der einzige Konflikt rund um den Nord-Ostsee-Kanal. Schließlich handelte es sich bei dem Bauprojekt um einen Schnitt, der dem Land eine weitere Grenze hinzufügte. Die Regierung des Deutschen Reichs verpflichtete sich zu kostenlosen Fähren über den Kanal – dafür zahlt der Bund bis heute, genauso wie für die Instandhaltung der Brücken, über die Christian Kracht und Joachim Meyerhoff mit dem Zug fahren, unter denen Mona Harry Fahrrad fährt.
Manche leben auch am Kanal, zum Beispiel in Kristine Bilkaus Roman Nebenan. Dort wird ein kleiner, nicht näher benannter Ort durch den Nord-Ostsee-Kanal in zwei Hälften geteilt. Der Roman ist aus der Perspektive zweier Frauen geschrieben, es geht um Nachbarschaft, Leerstand und Trostlosigkeit, um Mutterschaft, Vertrauen und Angst. Die Geschichte ist mystisch, die Menschen wirken manchmal unwirklich, wie Geister. Auch hier gibt es eine Fährverbindung, die den geteilten Ort verbindet:
„Die Fähre wartet, wenn niemand fahren möchte, und hier möchte manchmal sehr lange niemand fahren, und sie setzt über, ganz gleich, ob mittags ein einzelnes Schulkind nach Hause will, oder ob um halb drei Uhr morgens ein Betrunkener angeradelt kommt.“
Wenn der Zug langsamer wird

Heute sorgen die Eisenbahnbrücken über dem Nord-Ostsee-Kanal wieder für Schlagzeilen: weil sie zu alt für die geplanten Transporte der neuen Batteriefabrik bei Heide sind, zu wenig Lasten tragen können oder nur eingleisig befahrbar sind.
Diese altersbedingten Schwächen sorgen aber auch für schöne Momente: Wenn man mit dem Zug über den Nord-Ostsee-Kanal fährt, ganz egal ob die Hochbrücke Hochdonn, Grünental, Levensau oder Rendsburg heißt, wird der Zug langsamer und unter einem liegt die Landschaft da wie eine Bühne. Während sich ein Teil des Publikums fragt, ob es sich bei „dem Fluss dort unten“ um die Elbe oder die Weser handelt, schauen die anderen einfach runter auf die Landschaft, die jedes Mal anders aussieht.
Auch in Nebenan schaut sich eine der Erzählerinnen den Kanal und ihren Ort von oben an. Sie stellt fest: „So, von oben betrachtet, sieht alles miteinander verbunden aus, als würde alles tatsächlich zusammengehören.“