Wer KI nutzen will, muss kulturelle Bildung fördern

Teilen

Die Bedeutung eines Themas kann man an der Kontroverse ablesen, die es erzeugt. So geht es seit dem bewussten Auftreten von ChatGPT in der Öffentlichkeit um den Nutzen und den möglichen Schaden bei der Anwendung Künstlicher Intelligenz (KI). Kaum ein Debattenbeitrag kommt ohne die Warnung aus, welchen Schaden KI anrichten könnte. Das zeigt, wie groß die Verunsicherung allerorten ist. Kunst und Kultur stellen da keine Ausnahme dar.

Groß ist die Angst vieler Künstlerinnen und Künstler, vieler Kreativer, vor Ausbeutung, unerlaubter Nutzung eigenen Schaffens oder sogar, überflüssig zu werden. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die technischen Errungenschaften preisen, die Vereinfachung des Workflows, die Übernahme deskriptiver oder routinierter Arbeit. Diese Diskussionen werden hinlänglich geführt und sollen an dieser Stelle nicht ausgebreitet werden. Mir geht es hier um etwas anderes, nämlich um die Frage, welche Rolle Ergebnisse künstlerischen Schaffens in Zukunft noch spielen und vor allem, wie sie angemessen gewürdigt werden können. Am Ende diskutieren wir dann aber nicht mehr über technische Fragen.

Gehen wir von zwei Prämissen aus. Die erste: Wie mit allen technischen Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte, so ist es auch mit der sogenannten Künstlichen Intelligenz. Sie stellt ein zusätzliches Recheninstrument dar, das nicht mehr verschwinden wird. Erfindungen und Entwicklungen sind Teil des Fortschritts und lassen sich kaum zurückdrehen. Wir werden uns also mit dem Nutzen Künstlicher Intelligenz weiter beschäftigen müssen und tun das, by the way, schon längst, ohne dass wir es in vielen Bereichen des Alltags wissen und reflektieren.

Die zweite Prämisse hat mit dem ursprünglichen Wesen des Internets zu tun. Es ist entwickelt worden, um Daten zu teilen. “Sharing is caring” heißt es bei den sogenannten GLAM-Institutionen, also den Kultureinrichtungen, die das Kulturerbe verwalten und vermitteln wollen. Datennutzungsstrategien nennt es das Land Schleswig-Holstein explizit. Und Dirk von Gehlen, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung in München, wird nicht müde zu betonen, dass die Kopie ein ganz wesentlicher Bestandteil der Nutzung des Internets ist. Das machen sich KI-Anwendungen zunutze, wenn sie aus vorhandenem Material durch Kopieren und Zusammenstellen neue Ergebnisse berechnen.

Die Angst ist, gerade bei denen, die den Content produzieren, seien es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Journalistinnen und Journalisten und besonders Künstlerinnen und Künstler, dass ihre eigene Leistung ausgebeutet oder obsolet wird. Wie kann eine rechtliche Deduktion für das kreative Schaffen angesichts dieser unterschiedlichen Analyse nun aussehen? Vor allem unter der Annahme, dass die Zukunft ohne KI nicht mehr denkbar ist?

Eine mögliche Lösung findet sich in einem für die heutige Zeit etwas abseitigen Text aus einer noch abseitigeren Zeit. Im Jahre 516 wurde in der Nähe des westirischen Städtchens Sligo ein Konflikt um die Abschrift eines Psalters ausgetragen. Anhänger des Heiligen Columban (vielleicht auch er selbst) hatten nämlich heimlich einen Text seines Lehrers, des Heiligen Finnian, abgeschrieben. Der war natürlich empört und beschwerte sich. In der darauf folgenden Auseinandersetzung, dem sogenannten Bücherkrieg, sollen dreitausend Menschen umgekommen sein. Entschieden wurde daraufhin durch königlichen Erlass: “Das Kalb gehört zur Kuh, die Kopie zur Abschrift.” Das passte Columban überhaupt nicht! Das steht übrigens so ähnlich in der Wikipedia beschrieben. Ich habe das zwar selbst zusammengefasst, aber eine KI wäre gewiss schneller gewesen. Vielleicht auch präziser. Aber worum geht es in unserem Kontext genau? Schon die Wikipedia verweist auf einen ersten Fall von Urheberrechtsverletzung. Durch hoheitlichen Erlass wird dann klar gemacht, dass die Kopie eine begründete Eigenständigkeit besitzt, während der Ursprung seine Bedeutung und seinen besonderen Wert erhält. So weit, so gut. Nun mag man einwenden, dass kaum noch erkennbar ist, woraus KI-Anwendungen ihre Informationen genommen und worauf sie sich bezogen haben. Das wiederum ist aber nicht der Technik anzulasten, sondern unserem eigenen menschlichen Erkennen. Hier liegt für mich der Schlüssel im Umgang mit KI in Kunst und Kultur. Wenn wir kreative Urheberinnen und Urheber in Zukunft wirklich schützen wollen, dürfen wir nicht die KI-Berechnungen einschränken, sondern müssen die kulturelle Bildung vertiefen. Nur wer sich in Kunst und Kultur gut auskennt, wird kulturelle Referenzen in der Kopie richtig erkennen und wertschätzen können.

In der Zukunft steht also nicht die Einschränkung der Technik, sondern ein neues Augenmerk auf die Bildung derjenigen, die mit KI arbeiten und derjenigen, die mit den Ergebnissen der KI in allen Bereichen von Kunst und Kultur konfrontiert sind. Wer hier verantwortungsvollen Umgang erreichen möchte, kommt am Ausbau der kulturellen Bildung nicht vorbei – ganz analog und ohne Algorithmen.

Die Umsetzung in bare Münze ist dann der nächste, konsequente Schritt.


Ein Hinweis aus der Redaktion:

Am 18. November findet eine Veranstaltung zum Thema statt.

KI & Kultur – Best Practices und Learnings
Montag, 18. November 2024, 10:00 bis 16:00 Uhr
Computermuseum der FH Kiel, Eichenbergskamp 8, 24149 Kiel
Verschiedene Kulturinstitutionen präsentieren ihre aktuellen KI-Projekte und geben Einblicke in den Einsatz von KI in Museen.

Detailinformationen zur Veranstaltung gibt es auf der Webseite des Landes.

Unterstützen Sie kulturkanal.sh
– für eine lebendige Kulturszene

Vielen Dank, dass Sie kulturkanal.sh nutzen. Unser Online-Feuilleton für Schleswig-Holstein bringt Ihnen spannende Inhalte und aktuelle Berichte über das vielfältige kulturelle Leben in unserer Region.

Um weiterhin unabhängige und hochwertige Inhalte anbieten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Mit einer freiwilligen Zahlung helfen Sie uns, durch unsere Berichterstattung die Kultur vor Ort zu fördern.

Jeder Beitrag zählt – machen Sie mit und stärken Sie die regionale Kultur!

Themen

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Neueste Artikel