Auf den ersten Blick führt dieses Blatt weit weg von Flensburg: nach St. Croix in der Karibik. Tatsächlich führt es mitten hinein in die Geschichte der Stadt.
Die Karte entstand Ende des 18. Jahrhunderts, als St. Croix zu Dänisch-Westindien gehörte. Gezeichnet wurde sie von Peter Lotharius Oxholm. Schon ihr Titelblatt zeigt, dass es hier nicht nur um Geografie geht: Zu sehen sind versklavte Afrikaner bei der Arbeit auf Zuckerrohrplantagen. Aus dem Zuckerrohr wurden Zucker und Rum hergestellt – Waren, die über den Flensburger Hafen in das dänische Königreich gelangten.
Damit bekommt ein bis heute geläufiger Beiname Flensburgs eine zweite Seite. Die „Rumstadt“ erinnert an Kaufleute, Handelshäuser und eine Ware, die das Stadtbild und die lokale Erinnerung geprägt hat. Doch dieser Handel war Teil eines kolonialen Wirtschaftssystems, das ohne Versklavung, Zwangsarbeit und Gewalt nicht denkbar ist.
Die Karte kam 1971 in die Sammlung; in der Jubiläumsausstellung ist eine Reproduktion des heute im Flensburger Schifffahrtsmuseum befindlichen Originals zu sehen. Gerade dieser Zeitpunkt ist interessant. Denn seit den 1970er Jahren geriet auch die touristische Vermarktung Flensburgs als „Rum-Stadt“ zunehmend in die Kritik. Die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit begann zunächst zögerlich. Heute gehört sie zu den zentralen Forschungsfeldern des Schifffahrtsmuseums.
Auch darin steckt ein Stück Museumsgeschichte. Denn Sammlungen verändern sich nicht nur dadurch, dass neue Dinge hinzukommen. Auch der Blick auf längst vorhandene Dinge verändert sich. Ein Objekt, das einmal vor allem als historische Karte betrachtet wurde, kann Jahrzehnte später andere Fragen aufwerfen: Wer arbeitete auf den Plantagen? Unter welchen Bedingungen entstanden die Waren, mit denen in Flensburg Geld verdient wurde? Und welche Geschichten verschwinden, wenn man nur vom erfolgreichen Handel erzählt?
150 Jahre Museumsberg lassen sich deshalb auch als 150 Jahre wechselnder Perspektiven lesen. Die Karte von St. Croix zeigt besonders deutlich, was das bedeuten kann: Sie bringt eine weit entfernte Insel ganz nah an Flensburg heran und macht deutlich, dass lokale Geschichte manchmal sehr viel größer ist als der Ort, an dem sie erzählt wird.
Alle Infos zur aktuellen Jubiläumsausstellung auf dem Museumsberg Flensburg finden Sie im Kulturkalender: