Im Südflügel des Schlosses vor Husum herrscht rege Betriebsamkeit. Konzentriert bearbeitet Maria Leuker-Pelties vom Vorstand des Pole Poppenspäler Förderkreises den Online-Vorverkauf für das 40. Internationale Figurentheater Festival vom 20. bis zum 29. September in Husum. Derweil geht Mitstreiterin Birgit Empen im Saal nebenan letzte Details für eine Abendveranstaltung durch. Auf dem Tresen im Poppenspäler-Büro stapeln sich Programmhefte und Plakate – in neuem, einheitlichem „Look“.
40 Jahre Festival haben Spuren hinterlassen – bei den Organisatoren, aber auch in der Stadt und vor allem bei jenen Menschen, die ihm teils seit Jahrzehnten die Treue halten und sich den alljährlichen friedvollen Aufmarsch des Puppenspieler-Volkes aus aller Welt nicht mehr wegdenken mögen. Pole Poppenspäler ist ein integraler Bestandteil im bunten kulturellen Leben jener „grauen Stadt am Meer“ geworden, deren Sohn Theodor Storm ihr mit dem Titel seiner gleichnamigen Novelle einst den Namen gab. Längst lenkt eine neue Generation die Geschicke des Festivals, das mit einer wagemutigen Idee zweier umtriebiger Frauen seinen Ausgang nahm.
Die Geschäftsfrau Gisela Terheggen und ihre Vornamens-Vetterin Gisela Sobeczko waren es, die vor mehr als 40 Jahren die Vision hatten, Husum zu einem Wallfahrtsort für Puppenspieler zu machen. Doch eine Idee zu haben, ist das eine. Sie gegen alle Widerstände zu verfolgen, etwas ganz anderes.
In diesem zweiten Punkt erwiesen sich die beiden Frauen aus Husum jedoch als außerordentlich hartnäckig und fanden trotz anfänglicher Skepsis in Peter Röders schnell einen bestens vernetzten Mitstreiter. Puppenspieler und -bauer Röders wohnt(e) gar nicht weit vom künftigen Festivalort entfernt und betreibt in Idstedt bei Schleswig bis heute eine Theaterwerkstatt mit Figuren. Aus seinem Hause stammen unter anderem Filmpuppen wie RTLs Spaßvogel Karlchen oder Herr von Bödefeld aus der Sesamtraße. Dort verkörperte Röders selbst viele Jahre den Samson. „Ich weiß noch, dass ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, als mir die beiden netten Damen aus Husum ihr Vorhaben antrugen“, bekannte der Idstedter vor 15 Jahren anlässlich der Silberhochzeit des Festivals. Und doch schätzte er sie von Beginn an richtig ein, erkannte ihre Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft. Vor allem „Gila“ Terheggen brachte als Geschäftsfrau, Mitbegründerin der Husumer Hafentage und vielseitig ehrenamtlich engagierter Mensch einige Eigenschaften mit, die der Angelegenheit den nötigen Nachdruck verliehen. Und Gisela Sobeczko, die damals dem Kulturausschuss der Stadt Husum vorsaß, befeuerte das Projekt mit ihren Verbindungen.
„Nicht kleckern, klotzen“, hatten Peter Röders und sein Kollege Peter Steinmann „den Husumer Mädels“ mit auf den Weg gegeben. Und das taten sie dann auch – und tun es, in zweiter Generation, bis heute. Namhafte Puppenspieler wie Eric Bass aus den USA oder der Australier Neville Tranter fanden den Weg nach Husum und loben bis heute die besondere, beinahe familiäre Atmosphäre des Festivals. Die dürfte auch daher rühren, dass hier – wie heißt das heute? – kein neues Format ausprobiert wurde, sondern eine Herzensangelegenheit konkrete Gestalt annahm. Gleichzeitig gingen Husums Poppenspäler mit der Zeit, entwickelten neben dem online-Ticketing auch eine zeitgemäße Website und kreierten ein einheitliches Erscheinungsbild von Flyern, Eintrittskarten und Programmheft. Auf all das legen Birgit Empen und ihre MitstreiterInnen auch großen Wert, denn so sehr sie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement das Puppenspiel vom Klischee des Kasperletheaters befreit und ihm in Husum eine Bühne gegeben haben, so wenig möchten sie auf die bescheidenen Anfänge des Festivals reduziert werden. Und das entspricht genau jener Entwicklung, die das Genre selbst in 40 Jahren genommen hat. Oder, um es mit den Worten von Puppenspieler-Urgestein Dieter Kieselstein zu sagen: „Das Figurentheater ist DAS Theater“. Und seine Ausdrucksmöglichkeiten sind schier unbegrenzt.
Darüber hinaus schauten Husums Poppenspäler schon früh nach Berlin und Stuttgart, wo der bundesdeutsche Nachwuchs ausgebildet wurde, sowie hinüber in die Deutsche Demokratische Republik, wo sich ebenfalls eine bedeutende Puppenspieler-Szene entwickelt hatte.
Nicht von ungefähr war Husum im Anschluss an sein Studium an der Stuttgarter Musik-Hochschule (Fachbereich Puppenspiel) für Raphael Mürle der erste große Spielort nach dem Examen. Und Günter Gerlach zählte mit seinem Bauchladentheater, mit dem er auch vor einem einzelnen Kind am Krankenbett spielen konnte, zu den beliebtesten Gästen aus dem anderen Teil Deutschlands. Auf fast „spielerische“ Weise war das Festival von Beginn an ein lebendiger Teil des innerdeutschen Zeitgeschehens.
Die Jahrzehnte langen freundschaftlichen Verbindungen von Veranstaltern und Puppenspielern hatten aber noch einen anderen wichtigen Nebeneffekt. So hat das Husumer Poppenspäler-Museum, das seit diesem Jahr Teil des Museumsverbundes Nordfriesland im Schloss vor Husum ist, zum Festival unter anderem die Bühnen der Inszenierungen „Der Weihnachtshase“ und „Die drei Käsehochs“ und „Der Mann, dem die Nase weglief“ von Claudia und Peter Röders in seinen Bestand aufnehmen können.
Und Günter Gerlachs Kollege Uli Treu, auch er ein Poppenspäler der ersten Stunde, hat dem Figurentheater-Museum bereits im Frühjahr seine Inszenierung „Arche Noah“ geschenkt. Nur zwei von vielen Beziehungen zwischen Veranstaltern und Künstlern, die beide durch vier Jahrzehnte getragen haben. Im Jubiläums-Festival sind bei der „Langen Nacht der Puppen“ natürlich auch wieder Studentinnen aus Stuttgart vertreten.
Gefördert werden die Pole-Poppenspäler-Tage vom Land Schleswig-Holstein, vom Kreis Nordfriesland (der vor allem seine Räume im Schloss vor Husum dafür zur Verfügung stellt), von der Nospa-Kulturstiftung, von der Stadt Husum sowie von zahlreichen privaten Sponsoren.
Und das Figurentheater? Das erfindet sich immer wieder neu, ohne an Strahlkraft zu verlieren, erobert auch im digitalen Zeitalter weiter die Kinderherzen – und nicht nur die.
Wie sehr Kinderherzen bis heute auch in erwachsenen Brüsten schlagen, mag man daran ermessen, dass viele „Große“ nur allzu gern in Kinder-Vorstellungen gehen.
Diese Frauen und Männer haben von Anfang an und hautnah miterlebt, wie sich das Genre über die Jahrzehnte gewandelt hat, wie Bühnen größer und die Stücke aufwendiger wurden, wie Live-Musik Einzug in die Inszenierungen hielt und wie immer neue Materialien ausprobiert wurden, um Verwendung in immer ausgefalleneren Spiel- und Darstellungsformen zu finden.
Andererseits gab es aber auch „Wiedergänger“ wie Matthias Kuchta, Pavel Möller-Lück oder den bereits erwähnten Peter Röders, die mit alten und neuen Stücken bei nahezu jedem Festival dabei waren. Dass die Poppenspäler-Tage auch in diesem Jahr schon wieder so gut wie ausverkauft sind, bezeugt ihre lebendige Tradition.
Aber da ist noch etwas: Authentisches kulturelles Engagement, das unterstreicht eine Stadt von der Größenordnung Husums mit ihren gerade einmal 23.000 Einwohnern mehr als anschaulich, ist ein unverzichtbarer Standort- und Wirtschaftsfaktor – auch und gerade in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und gesellschaftlicher Konflikte. Grundlage hierfür sind der unentgeltliche Einsatz für die Gemeinschaft sowie ein von Empathie und Offenheit getragener Umgang mit dem Andersartigen.
Ein Gedanke, der auch dem Figurentheater selbst innewohnt und nicht von ungefähr vermuten lässt, dass in Husum, zur Festival-Zeit, zusammenkommt, was wirklich zusammengehört – über Büttenredner-Rhetorik hinaus.
Figurentheater ist DAS Theater. Tatsächlich lässt es aktive und passive Poppenspäler seit nunmehr vier Jahrzehnten graziös auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und Moderne balancieren. So darf das weitergehen.