Der Kittelschürzen-Effekt: In Ost wie West beliebt

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Kittelschürzen: einfarbige, bunte, mit Blumen oder abstrakten Mustern. Wie viele Kittel sie inzwischen besitzt, kann Stefanie Reis kaum sagen, über 220 Stück dürften es sein. Dass es dazu kam, hat die Kulturwissenschaftlerin und Autorin selbst überrascht. Aus einer ersten Idee entwickelten sich viele neue. Inzwischen hat Reis gemeinsam mit ihrer Projektpartnerin Simone Graber bereits Modenschauen auf die Beine gestellt, in Lübeck eine Ausstellung zu „Frauen im Kittel“ in der Musik- und Kongresshalle (MUK) organisiert und einen Podcast unter dem Titel „Im Kittel mit…“ gestartet.

Omas Kittel waren der Auslöser

Mustermix: Kittel gibt es in allen möglichen und unmöglichen Farben. Foto: Stefanie Reis

Stefanie Reis ist 46 Jahre alt, sie stammt aus Kirchheimbolanden, einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Nach Abitur und Studium verschlug es sie in den Norden, sie lebt in Lübeck. Zu Kitteln hatte sie – wie wahrscheinlich die meisten Frauen ihrer Generation – keinen Bezug. Aber nach dem Tod ihrer Großmutter stieß sie beim Ausräumen des Hauses auf deren Kittelschürzen, die sie bei der Arbeit im Haus und auf dem großelterlichen Bauernhof trug.

„Ich bat meine Tante darum, sie mitnehmen zu dürfen, und saß mit einem Stapel Kieidung im Zug nach Lübeck, ohne zu wissen, was ich damit anfangen sollte“, berichtet Reis. Einige Monate lagen die Kittel im Schrank, dann veranstaltet Reis bei einer Feier eine spontane Modenschau. Das habe den Funken entzündet.

„Es war, als hätten die Kittel ein Eigenleben und wollten ins Leben zurück.“

Kittelschürzen entstanden im Ersten Weltkrieg

Die Geschichte der Kittelschürzen begann im Ersten Weltkrieg. Gedacht waren sie als Arbeitskleidung für Frauen, Hooverette genannt nach dem 31. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Herbert Hoover. Als eine Art weiblicher Uniform sollten sie das kriegswirtschaftliche Haushalten propagieren, um die Männer an der Front mental zu unterstützen, und weiblicher Arbeit den Anstrich von Professionalität und Hygiene verleihen.

Die Merkmale einer typischen Kittelschürze definiert die Modedesignerin Mareen Heinz in ihrem Blog „Ms Hey“. Die Kittelschürze bestehe „aus pflegeleichtem und strapazierfähigem Material und hat immer mindestens eine aufgesetzte Tasche. Zu verschließen ist sie mit Knopfleiste vorn oder hinten, Bändern zum seitlichen Zubinden, zum Wickeln sowie manchmal mit Reißverschluss. Sie kann zusätzlich einen taillenbetonenden Gürtel haben oder rückwärtig mit der so genannten Arschtrage ausgestattet sein“.

Vielfalt auf dem Bügel: Lübecker Geschäfte stellten im Vorfeld der Ausstellung in der MUK Kittel aus. Foto: Christine Rudolf

Nach dem Ersten Weltkrieg verbreiteten sich die Kittel von den USA aus in weite Teile der Welt. In Deutschland schafften sie nach dem Zweiten Weltkrieg den Durchbruch, berichtet Stefanie Reis. „Das Interessante an der Kittelschütze ist, dass sie auf beiden Seiten der Grenze getragen wurde.“ Aber es gab Unterschiede, allein im Material: Die ikonische Ost-Schürze besteht aus Dederon. Und die Rolle der Frau war die der Arbeiterin, die ihren Beitrag zum Sozialismus leistete und damit die Schütze auch öfter jenseits des Haushalts trug.

Mit „Strohdisign“ die Kittelschürzen ins Heute holen

Mit den Kittelschürzen in der DDR befasste sich Mareen Heinz 2017 im Kunstprojekt „Strodisign“. Es startete 2016 im Dorf Strodehne im Havelland (Brandenburg). Heinz und ihre Mitstreiterinnen wollten die „Kittelschürzen ins Heute holen, eben weil der Kittel wie kaum ein anderes Kleidungsstück das Klischee für ländliche Kleidung verkörpert und entsprechend polarisierend wirkt“, heißt es auf der Projekthomepage. „Ihre Gegner verachten sie als Merkmal eines rückständigen (Haus-)Frauenbildes, ihre Befürworter finden sie praktisch, erfreuen sich an ihren bunten Mustern und ihrer heimlichen Sinnlichkeit oder schätzen sie, weil sie ähnlich einer Uniform ihre TrägerInnen gleichstellt.“ Als Vorlage für ihre Entwürfe nahmen die Strohdisignerinnen ein für den Ort bedeutsames textiles Objekt, nämlich eine Gardine aus dem Speiseraum der lokalen LPG-Essenküche.

Die Hochphase im Westen lag in den 1950er Jahren, in den Zeiten des Wirtschaftswunders. In den 1960er Jahren, mit dem Aufkommen der ersten Frauenbewegung, lehnten die jungen Frauen die Kittel als veraltet ab. Auch in Stefanie Reis‘ Familie war es so: „Meine Großmutter trug selbstverständlich Kittelschürze, meine Mutter schon nicht mehr.“

Kittelschürzen sind Zeitzeuginnen

Kittel mit Geschichte: Über 220 Spenden von Privatleuten besitzt Stefanie Reis inzwischen. Foto: Maren Winter

Als Kulturwissenschaftlerin interessierte Reis dieser Wandel – und die bisher unerzählten Geschichten der Frauen. „Die Kittelschürze besitzt die Strahlkraft einer Zeitzeugin“, sagt sie. Sie rief dazu auf, ihr Schürzen, Fotos und Geschichten zu schicken.

Viele der Stücke seien nicht nur praktisch, sondern auch wunderschön: „Ich bin auch schon mit einer Kittelschürze in der Elbphilharmonie gewesen.“ Auch bei Modenschauen zeigen die Kittel, was sie können und wie gut sie sich auf einem Laufsteg machen. Das hat in diesem Jahr auch eine Mode-Firma wiederentdeckt: „MiuMiu“ steckt Models in Kittelschürzen.

„Das zeigt, wie aktuell das Thema ist, gleichzeitig ist es nicht das, was ich möchte“, betont Stefanie Reis. „Mir geht es nicht um glatte Oberflächen, sondern um die gebrauchte Kleidung.“ Die lässt sich auch verändern und in etwas Neues verwandeln. Generell stehe der Kittel für Nachhaltigkeit, sagt Stefanie Reis. „Das ist ein Aspekt, an den vor allem meine Projektpartnerin Simone Graber anknüpft. Denn Kittel schonen die Kleidung darunter. Das ist eine pragmatische und gleichzeitig modische Lösung, über die wir gerade in Zeiten von Fast Fashion nachdenken sollten: Werfe ich Kleidung weg, ziehe ich Einweg-Schürzen aus Plastik an oder trage ich Kittel, damit gute Kleidung länger hält?“

Einsatz für nachhaltige Mode: Stefane Reis und Simone Grabner. Foto: privat

Bis Anfang Februar lief die Ausstellung „Frauen im Kittel“ in der Musik- und Kongresshalle Lübeck (MUK). Bereits die Eröffnung sei ein großer Erfolg gewesen, sagte Reis: „Es war sozusagen Stadtgespräch.“

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