In Bonn hat jüngst der sogenannte Stadtvorstand beschlossen, das Fortbestehen des Schauspielhauses der Bonner Bühnen zu überprüfen. Hintergrund ist hauptsächlich der marode Zustand des Theaters, der einen Neubau nötig machen könnte sowie das leere Stadtsäckel. Die Ankündigung sorgte für helle Aufregung, sodass sich er Generalintendant Bernhard Helmich genötigt sah, vor Beginn einer Aufführung der „Die Zauberflöte“ gegen den Beschluss öffentlich zu protestieren.
An dieser Stelle hier habe ich schon häufiger über den Begriff der Daseinsvorsorge geschrieben. Die Situation scheint mir aber, nicht nur in Bonn und Nordrhein-Westfalen, so drängend, dem Begriff einen eigenen Beitrag zu widmen. Unter Daseinsvorsorge (ich finde übrigens. dass das ein wirklich schöner typisch deutscher Begriff ist, wie ihn andere Sprachen vergeblich suchen) versteht man in Deutschland die Aufgaben, alle lebensnotwendige Güter oder Dienstleistungen vorzuhalten, sodass ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben möglich ist.
Politisch ist er Begriff zugegebenermaßen umstritten. Die Debatte dreht sich um die Frage, was alles unter Daseinsvorsorge verstanden werden muss – und was eben nicht. Am Ende geht es auch hier ums Geld. Historisch meinte der Begriff, dass der Staat oder die öffentliche Verwaltung all das organisiert, was Menschen – im Gegensatz zu früheren Zeiten – nicht mehr selbst organisieren können. Ein treffendes Beispiel ist die Wasserversorgung. Während früher Brunnen in den Häusern oder der Gang ans Gewässer obligat waren, steht die Versorgung mit Trink- und Brauchwasser heute überwiegend in öffentlicher Hand. Was kann der Staat zur Verfügung stellen, was entsteht aus Eigenproduktion? Das sind die zentralen Abgrenzungen, was Daseinsvorsorge bedeutet und was nicht.
Damit kommen wir zur kulturellen Infrastruktur (auch so ein typischer Begriff, der übrigens in dem wirklich guten Bericht der Bundestags-Enquetekommission Kultur im Jahr 2003-2007 geprägt wurde.) Allgemein werden Leistungen aus dem Kulturbereich, Theater, Volkshochschulen, Bibliotheken oder Museen zu den sogenannten freiwilligen Leistungen gerechnet. Das ist übrigens die gleiche Kategorie wie Schwimmbäder oder Sportanlagen. Bedeutet faktisch, wenn einer Kommune das Geld ausgeht, so hat sie zuvörderst bei eben diesen freiwilligen Leistungen zu kürzen, im Gegensatz zu den Pflichtleistungen, die weiter zu gewährleisten sind (und im Allgemeinen viel mehr Geld verschlingen, als die freiwilligen Leistungen). In diesem Zusammenhang kommt die Kultur unter Druck. Braucht es so etwas wie Museen, Theater, Volkshochschulen oder Bibliotheken überhaupt? Geht doch auch ohne, oder?
Hier beginnt mein Einspruch. Wenn wir das Leben nämlich als Ganzes betrachten wollen, so gehören zu den existenziellen Grundbedürfnissen immer auch die Bedürfnisse von Geist und Gefühl. Die Lasten des Alltages werden unterbrochen durch feste oder freudige Unterbrechungen. Das entspricht der gängigen Kulturtheorie. Alltag gibt es nicht ohne Feste und Feste nicht ohne Alltag. Das habe ich an dieser Stelle auch schon mal geschrieben. Zum Schönen und der Freude kommt noch der Impuls fürs Hirn, zum Nachdenken, zur Reflektion des Individuums über sich selbst und über und mit der Gesellschaft.
Drehen wir den Spieß doch um: Stellen wird uns unsere Städte und Gemeinden ohne Bibliotheken, ohne Volkshochschulen, ohne Museen oder ohne Theater vor. Das wäre ein ziemlich trauriges Bild. Nicht zuletzt tragen diese Einrichtungen zur Lebensqualität einer Gesellschaft und der Attraktivität eines Standortes bei. Genau deswegen gehören sie zur Daseinsvorsorge. Theater in Eigenproduktion? Volkshochschule für mich selbst im heimischen Wohnzimmer? Ich könnte die Nachbarn einladen! Omas Bücherregal als Bibliothek? Das kann es nicht gewesen sein. Das bedeutet, Eigenproduktion ist kaum möglich. Die kulturelle Infrastruktur ziert nicht nur eine Gesellschaft, sondern sie ist ein lebenswichtiger und überlebenswichtiger Bestandteil. Eine Stadt wie Bonn – übrigens größer als Kiel – hat sich selbst und ihre Zukunft aufgegeben. wenn sie darüber sinniert, das städtische Theater zu schließen.
Bonn ist nur ein aktuelles Beispiel. Die Gedanken, Bestandteile der kulturellen Infrastruktur aus Kostengründen zu schließen gibt es allerorten. Wenn es uns endlich gelingt, Kunst und Kultur als Teil der Daseinsvorsorge zu betrachten, kommen wir nicht mehr auf ei Idee, hier radikale Schnitte vorzunehmen. Die Bibliothek ist genauso wichtig wie das Wasserwerk, die Volkshochschule wie die Energievorsorge. Geld verdienen kann man damit nicht. Das kostet. Aber es bringt so viel für das Individuum und die Gesellschaft.
Wann sind wir eigentlich dazu gekommen, unsere öffentliche Verwaltung wie ein Unternehmen zu betrachten? Der Begriff Verwaltungsvorstand insinuierte doch irgendwie, dass man Städte wie börsennotierte Unternehmen führen könnte. Während diese aber Gewinne erzielen müssen, hat die Kommune nur eine Aufgabe: Das Leben der Menschen würdig und lebenswert zu gestalten.