Jüdisches Leben – zehn Punkte für Schutz und Sichtbarkeit

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Zertretene Blumen am Mahnmal vor der 1938 zerstörten Kieler Synagoge und ein Hakenkreuz, das Unbekannte auf die vereiste Oberfläche eines Teiches in Flensburg kratzten – nur zwei von vielen antisemitischen Vorfällen in Schleswig-Holstein. In der Woche des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus befasste sich das Landesparlament mit einem Zehn-Punkte-Plan für Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein. Tut die Regierung genug gegen Antisemitismus? Die Opposition zweifelt daran.

Große Einigkeit nach dem Angriff der Hamas

Im November 2023, wenige Wochen nach dem Angriff von Hamas-Kämpfern auf Israel, bei dem Tausende Zivilist:innen starben, verletzt oder als Geiseln verschleppt wurden, verabschiedete das Parlament in Kiel einstimmig seinen „Zehn-Punkte-Plan für jüdisches Leben“. Im Mittelpunkt stand eine „Bildungsoffensive gegen Antisemitismus“.  

Jüdisch sein – was heißt das eigentlich? Solche Fragen beantwortet das Jüdische Museum. Foto: Markus Dewanger / Stiftung Landesmuseen

Unter anderem wollte die Regierung das Thema stärker im Schulunterricht verankern. Die Schulen sollten passende Maßnahmen entwickeln, um Kinder und Jugendliche stark zu machen gegen Antisemitismus und seine hässlichen Vettern Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Hat das geklappt? Diese Frage diskutierte das Parlament in seiner Sitzung im Januar 2026.

Bildungsoffensive gegen Antisemitismus

Die „Bildungsoffensive“ beziehe die Schulen, Hochschulen sowie außerschulische Lernorte und Gedenkstätten mit ein, sagte Bildungsministerium Dorit Stenke (CDU) in ihrem Bericht. Viele der zehn Punkte seien bereits umgesetzt. Dazu zählt eine Änderung des Schulgesetzes im Jahr 2024: Seither ist die Prävention von Antisemitismus verbindlich als Lernziel festgeschrieben.

Dabei sind nicht nur Geschichtslehrkräfte gefragt, sondern die Auseinsetzung mit dem Hass auf jüdische Menschen gelte als Aufgabe aller Fächer, betonte die Ministerin. Leitfäden, Präventions- und Interventionskonzepte sollen den Lehrkräften dabei helfen. Zudem ist der Kampf gegen Antisemitismus in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften aufgenommen worden. „Auch Gedenkstättenfahrten werden weiter gefördert und Angebote professionalisiert“, versprach Stenke.

Lob von CDU und Grünen, Kritik von der Opposition

Feste Feiern: Können sich jüdische Menschen offen zeigen, etwa an ihren Feiertagen? Foto: Markus Dewanger / Stiftung Landesmuseen

Bestätigung kam von Stenkes Parteifreundin Anette Röttger: Jüdisches Leben müsse „sicher und sichtbar“ sein, und dazu brauche es mehr als Gedenktage. Doch auch das Gedenken werde und müsse sich ändern. „Die heutige Generation ist die letzte, die sich mit Zeitzeugen unterhalten kann“, sagte Röttger. Künftig brauche es andere Formate, um die Erinnerung an die Gräueltaten des Holocaust wachzuhalten.

„Zutiefst verachtenswert“ nannte Malte Krüger (Grüne) den Anschlag auf das Synagogen-Mahnmal in Kiel und das Hakenkreuz auf der Eisfläche in Flensburg. Solche Taten zeigten, warum die Erinnerungskultur gestärkt werden müsse.

„Der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft, wir müssen ihm entschieden begegnen. Dieser Kampf gegen Menschenhass ist eine ständige Alltagsaufgabe.“

Martin Habersaat (SPD) nannte Beispiele, an denen sich Antisemitismus zeige. Die seien oft nicht sofort verständlich, wie die Plüschkrake, die die Umweltaktivistin Greta Thunberg in die Kamera hielt. Der Krake gehört zu einer Reihe von Tieren, die teils seit Jahrhunderten als negatives Bild für Jüd:innen gelten, denn er steht für das angebliche Streben nach der Weltherrschaft. Solche Bilder zu durchschauen, wäre ein wichtiges Thema für den Politik- oder Geschichtsunterricht, sagte Habersaat mit Blick zur Bildungsministerin. „Aber wo haben Sie Stunden gestrichen? Bei Politik und Geschichte.“ Andere Projekte, die Stenke aufgezählt hatte, starteten bereits vor dem Zehn-Punkte-Plan, weitere zahle der Bund. Daher kritisierte Habersaat: „Als wir die Bildungsoffensive beschlossen haben, hatten wir uns mehr vorgestellt als das bloße Weitererzählen des Status quo.“

Unsichtbarkeit von jüdischem Leben?

Ähnlich sah es Anne Riecke (FDP). „Sicherheit für jüdische Menschen heißt auch, dass sie sich nicht verstecken müssen.“ Aber es herrschte oft eine Unsichtbarkeit, gerade an den „Orten, die als besonders offen gelten, wie im Kulturbetrieb oder an Hochschulen“. Im Kampf gegen den Judenhass müsse das Land daher den Schulen den Rücken stärken. Damit junge Menschen sich nicht nur im Internet informierten und bei Schlagworten stehenblieben, bräuchte es einen verlässlichen Politikunterricht.

Kippah und Kidduschbecher: Nicht alle Jüd:innen trauen sich, öffentlich religiöse Symbole zu tragen. Foto: Markus Dewanger/ Stiftung Landesmuseen

Die im Bericht beschriebenen Maßnahmen lobte Jette Waldinger-Thiering (SSW). Aber sie mahnte die Finanzierung insbesondere für die Gedenkstättenarbeit an, damit die Konzepte und Leitfäden nicht nur auf dem Papier stünden.

400 Jahre jüdisches Leben im Norden

Im heutigen Schleswig-Holstein leben seit mindestens 400 Jahren Menschen jüdischen Glaubens: Im 17. Jahrhundert erlaubte der dänische König Christian IV. in mehreren „Toleranzstädten“ ihren Zuzug. Im Landesarchiv fanden sich sogar Quellen, die noch weiter zurückreichen.

Lange lebten die Menschen der jüdischen Gemeinden Tür an Tür mit ihrer christlichen Nachbarschaft. Dabei trugen sie als Kaufleute zur Wirtschaft bei, als Schützen- oder Kegelbrüder waren sie Teil des gesellschaftlichen Lebens. Das Jüdische Museum in Rendsburg zeigt diese Normalität, die es trotz der überkommenen Vorurteile gegen Jüd:innen lange gab. Die NS-Zeit beendete dieses gemeinsame Leben brutal: Auch in Schleswig-Holstein brannten die Synagogen.

„Die Geschichte des Judentums ist mehr als der Holocaust.“

Das sagte Ministerin Stenke im Landtag. Die Regierung arbeitet daher zurzeit an einem Landesaktionsplan gegen Antisemitismus und für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens. Der Aktionsplan soll demnächst veröffentlicht werden, versprach Stenke.

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