Der Elmshorner Anders Petersen erhält am 17. Dezember 2024 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik. Warum? Das erfährt man bei einem Besuch in seinem anders.art.atelier. Ein Gespräch über belebte Häuser, die Partnerstädte von Elmshorn und die Kunst, die zwischen Hobby und Gerhard Richter liegt.
Ein belebtes Haus
Das Haus, in dem wir uns treffen, ist nicht nur Anders Petersens Atelier und Ausstellungsort, es ist auch sein Geburtshaus. Hier ist der 1959 geborene Künstler unter anderen Künstler*innen aufgewachsen: die Mutter Lotte Fotografin, der Vater Wilhelm bildender Künstler, Illustrator – und überzeugter Nazi. Das ist eins der ersten Dinge, die Anders Petersen erzählt, wenn es um seine Biografie geht. Es wirkt, als wolle er den Elefanten im Raum direkt aus dem Weg schaffen, wenn er von sich aus schildert, wie ambivalent sein Verhältnis zum Vater Wilhelm Petersen ist, der Kriegszeichner, Propagandist und zugleich ein liebevoller Vater war. Immer noch muss er sich mit dessen Vergangenheit auseinandersetzen.
1998, als der Vater schon nicht mehr lebte, ist Anders Petersen zur Pflege der Mutter in das Haus nach Elmshorn zurückgekehrt – und hat es zu ihrer Freude auch mit Ausstellungen im anders.art.atelier belebt. „Kollegiale Ausstellungen“, nennt Anders Petersen sie, denn viele der Bilder stammen von ehemaligen Kommiliton*innen.
Im Eingangsbereich, dem Vestibül, in dem wir für das Gespräch an einem Tisch in der Mitte des Raums sitzen, zeigt er gut 20 Arbeiten. Die Auswahl treffen er und seine Ehefrau, die Buchhändlerin Ingert Petersen, nach einem einfachen, aber besonderen Kriterium: „Es müssen Arbeiten sein, die wir zwei bis drei Wochen um uns herum haben wollen.“
Sie seien allerdings keine Galerist*innen, betont Anders Petersen mehrmals. Denn ein Galerist müsse kommerziell denken und könne nicht nebenbei Künstler sein. Die Ausstellungen in Elmshorn seien eher eine Liebhaberei und ein Beiwerk, um „Kunst zu leben und das Haus zu öffnen“.
„Ich muss in Metall ritzen, ich muss Farbe auftragen“
Von dem Vestibül führt eine Treppe nach oben, und im Erdgeschoss gehen die Türen zu den verschiedenen Räumen ab. Einer davon ist Anders Petersens Atelier. Der Künstler arbeitet malerisch, plastisch, grafisch – er sprengt die Genres, aber er tut das in Ruhe. Gelernt hat er das in Elmshorn, Kiel, Reykjavik, Hamburg und wieder: Elmshorn.
Nach dem Studium der Freien Kunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel bei Fritz Bauer und Ekkehard Thieme ist Anders Petersen 1992 für ein Gaststudium an die Myndlista og Handida Skoli in Reykjavik, Island, gegangen. Dort studierte er im Bereich der sogenannten Mixed Media.
Damals hat ihn interessiert: In welche Richtung bewegt sich die Grafik, hin zum Handwerk oder zu den Neuen Medien? In Island, der Schnittstelle zwischen den Kulturen, zwischen den USA und Europa, der vermeintlich Neuen und der vermeintlich Alten Welt, stellte er fest: Er braucht das Handfeste. „Ich muss in Metall ritzen, ich muss Farbe auftragen.“ Sich ausprobieren das macht er gerne digital, aber ausdrücken kann er sich nur über das Handwerkliche.
Was will er denn ausdrücken? Anders Petersens Bilder sind nicht gegenständlich, aber sie sollen trotzdem eine Geschichte transportieren. Der Künstler erklärt, wie das funktioniert: Er stellt sich etwas konkret vor und abstrahiert es. Die Titel geben Hinweise auf die Geschichte hinter dem Bild: „fly me to the moon“ oder die Serie „vom Wasser aus“.
Häufig zeigt er unwirtliche Landschaften. Gründe dafür gibt es viele. In seiner Jugend wurde er durch die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Brokdorf politisiert, ihm stellte sich die Frage: Wie können wir existieren trotz Umweltbedrohung? Weitergedacht: Wie können wir dort leben, wo es sich vermeintlich nicht leben lässt? Anders Petersen nennt Roald Amundsen als Inspirationsquelle, der als Erster die Nordwestpassage durchs Polarmeer durchquerte – und auf dem Weg die Lebensgewohnheiten und Überlebenstechniken der Inuit erlernte, weswegen er einige Jahre später den Wettlauf zum Südpol gegen Robert Falcon Scott gewann.
Raisio, Stargard, Tarascon und Wittenberge

Eine Tür führt also ins Atelier. Und die anderen Türen? Sie scheinen nicht in Küche und Wohnzimmer, sondern an weit entfernte Orte zu führen. Denn in der Laudatio für das Verdienstkreuz wird auch Anders Petersens Beitrag zur Völkerverständigung gelobt.
Begonnen hat er damit dort, wo es schon Kontakte gab: bei den Partnerstädten von Elmshorn. Das sind Raisio in Finnland, Stargard in Polen, Tarascon in Frankreich und Wittenberge in Brandenburg. Wenn Wirtschaftsvertreter*innen von Elmshorn in die jeweiligen Partnerstädte gefahren sind, hat Anders Petersen organisiert, dass sie auch Kunstwerke transportieren – oder ist einfach selbst mitgekommen. Er war in allen Partnerstädten Elmshorns. Mehrmals. 2025 wird er in seinem anders.art.atelier die Werke eines polnischen Künstlers aus Stargard ausstellen: Maciej Kuszela.
Aber Anders Petersens Engagement reicht über die begrenzten Städtepartnerschaften hinaus, so stellt er auch mal Kunst aus Simbabwe aus, um in Elmshorn ganz provokant zu fragen: Warum haben wir keine Partnerstadt auf dem afrikanischen Kontinent?
Kunst und Öffentlichkeit
Anders Petersen sagt über sich selbst: „Zu 98 Prozent bin ich Künstler.“ Das betont er mehrmals im Gespräch. Mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet werden aber eher die anderen zwei Prozent: der Kunstvermittler. Doch so einfach sind sie nicht voneinander zu trennen, der Künstler und der Kunstvermittler. Denn Anders Petersens Anspruch an die eigene Kunst ist vom Blick des Vermittlers geprägt: „Wenn ich mich ernst nehme als Künstler, dann muss ich mich in die Öffentlichkeit begeben“.
Er kann Kunst und Mensch nicht voneinander trennen. Und er weiß: „Meine Bilder geben einem mehr, wenn man mich auch kennt.“ Deswegen ist Anders Petersen gerne dabei, wenn Menschen seine Kunst betrachten, spricht sie an, wenn sie lange vor einem Werk stehen bleiben. Das geht natürlich nicht immer, wenn er zum Beispiel wie derzeit mit einem Bild auf dem Flensburger Museumsberg vertreten ist.
Mehr Aufmerksamkeit für die Kunst zwischen Hobby und Gerhard Richter

Anders Petersen vermittelt nicht nur Kunst, seine und die von anderen, sondern auch die Perspektiven von Künstler*innen. Auf die Frage, was er in den sechs Jahren als Vorsitzender beim Landesverband Schleswig-Holstein des Berufsverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler erreicht hat, antwortet er enthusiastisch: „Ausstellungsvergütung!“ Denn bei Kunstprojekten im öffentlichen Raum, die mit Landesmitteln gefördert werden, erhalten die Künstler*innen nun auch Ausstellungsvergütungen.
Künstler*innen werde häufig gesagt, sie sollten doch froh sein, dass ihre Werke ausgestellt werden, vielleicht kaufe ja jemand etwas. Doch Anders Petersen weiß: „Ein Bild verkauft sich nicht von selbst von der Wand.“ Dafür bräuchte es Galerist*innen.
Damit einher geht seine Forderung, man müsse Kunst nicht fördern, sondern honorieren. Förderung, das klinge so, als sei etwas gar nicht da, sondern man müsse es erst einmal zu Tage bringen. Doch die Kunst sei da.
Und sie sei vor allem im Durchschnitt zu finden, der neben der besseren Honorierung auch mehr Aufmerksamkeit verdiene: die professionellen Künstler*innen zwischen jenen, die Kunst privat als Hobby anfertigen und jenen, die damit in den großen Museen hängen und extrem gut verdienen, den Daniel und Gerhard Richters der Kunstwelt. Solche Kunst, wie sie in Anders Petersens Haus mit den vielen offenen Türen hängt.
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